So schnell kann das gehen. Guido Westerwelles Verzicht auf die Parteiführung liegt keine 24 Stunden zurück – und schon wird er von Christian Lindner öffentlich veralbert. Sein Noch-Generalsekretär hat zur ersten Pressekonferenz nach Westerwelles 120-Sekunden-Auftritt vom Sonntag geladen. Der Andrang ist riesig, die Fragen wollen nicht enden. Um das Ganze etwas aufzulockern, schiebt Lindner zwischendurch eine Parodie ein: Er setzt zu einem alten Zitat des baldigen Ex-Parteichefs an: "Auf jedem Schiff, das dampft und segelt..."

Westerwelle pflegte den Spruch mit "der braucht einen, der die Sache regelt" zu schließen. Doch Lindner unterbricht und rollt die Augen. Damit lässt er keinen Zweifel daran, dass er die Schlussfolgerung, die Westerwelle damals traf, für überholt hält. Lindner setzt dieser straffen Hierarchievorstellung von 2001 einen Kollektiv-Begriff entgegen. Die FDP solle künftig "im Team" geführt werden. Nichts betont er an diesem Tag häufiger.

Konkreter allerdings wird Lindner nicht. Wer dieses Team führen soll? Er selbst? Philipp Rösler, wie sich das am Wochenende angedeutet hat? Lindner rollt nur lustig mit den Augen. Er wird dazu heute nichts sagen. Nur so viel: An "Spekulationen" beteilige er sich nicht. Und ja, er stehe im engen Kontakt mit dem jungen Landeschef Daniel Bahr und einem Parteifreund "aus Hannover", den er nicht genauer nennen will, aber mit dem er vermutlich den Gesundheitsminister meint.

Die drei firmierten zuletzt nur unter der Gruppenbezeichnung "die Jungen", ihre Freunde nennen sie intern die "neue FDP". Auf sie wird es jetzt zulaufen, so die landläufige Interpretation. Auf ihre Äußerungen wird nun genau geachtet.

Aus Parteikreisen verlautet, dass Lindner als "Backup" zur Verfügung stehe, wenn Rösler sich nicht durchsetzt. Denn der Gesundheitsminister hat für seinen Wechsel an die Parteispitze drei Bedingungen gestellt, die er erfüllt sehen will, bevor er seine Kandidatur ankündigt. Erstens fordert er eine "inhaltliche Neuordnung" der FDP. Damit ist eine programmatische Öffnung und Erweiterung gemeint: weg von der reinen Steuersenkungs- und Mittelstandspartei, hin zu einem "ganzheitlichen" und "mitfühlenden Liberalismus".

Zweitens möchte Rösler Wirtschaftsminister werden. Dieses Amt hat bekanntermaßen noch Rainer Brüderle inne. Und der denkt nicht ans Aufgeben. Brüderle hat angekündigt, kämpfen zu wollen, notfalls sogar "blutig" . In der heutigen Präsidiumssitzung verwies er stolz auf seinen Gastbeitrag im Handelsblatt . Darin schreibt Brüderle, dass die FDP nach Japan "nicht anderen Parteien hinterher laufen dürfe". Das ist eine Ohrfeige für Lindner, der vergangene Woche viele in der FDP überrascht hatte mit seiner Forderung, die Alt-AKW dauerhaft abzuschalten . "Alte" gegen "neue" FDP eben.

Die dritte Forderung hat Guido Westerwelle bereits erfüllt. Als neuer Parteichef möchte Rösler auch Vizekanzler werden. Am Montagmorgen verzichtete Westerwelle öffentlich auf das von ihm so heißgeliebte Vize-Amt. Seine Kritiker hatten bereits gestern gemahnt, dass dieser Posten dem neuen Parteichef zustehe, sofern dieser dem Kabinett angehört.

Westerwelle, so hört man, unterstützt die Jungen, schließlich hat er sie in die Bundespolitik geholt. Allerdings ist das, was Westerwelle will, nicht mehr besonders relevant. Was die Zukunft der FDP angeht, ist er keine treibende Kraft mehr. Gefragt ist nun eine Kohorte, die bereits mit Westerwelles Sprüchen aufgewachsen ist. Der scheidende Parteichef habe "noch mit Helmut Kohl" verhandelt, sagt Lindner. Auch das ist eine Art, dem 49-Jährigen mitzuteilen, dass er in den Augen der neuen FDP-Avantgarde zum alten Eisen gehört.