Von der Kandidatur von Gesundheitsminister Philipp Rösler für den Bundesvorsitz seiner Partei erhofften sich viele Liberale ein Ende der Unruhe. Doch kaum war der designierte Nachfolger von Guido Westerwelle offiziell verkündet, meldeten sich führende Liberale mit weitergehenden Forderungen nach personeller Erneuerung. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger bezeichnete dies als kontraproduktiv und verlangte eine Rückkehr zur politischen Alltagsarbeit.

Die FDP sei in einer Existenzkrise, sagte die bayerische FDP-Landeschefin und bezog sich damit auch auf den Niedergang der Umfragewerte und die Wahldesaster von Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Da dürften die Bürger erwarten, dass Inhalte im Vordergrund stehen, forderte die Ministerin. "Wir sollten jetzt aufhören, über Ministerposten und andere Personalien öffentlich zu diskutieren."

Die Kritik der Justizministerin richtet sich gegen eine ganze Reihe von Parteifreunden. Der Ehrenvorsitzende Hans-Dietrich Genscher sieht seine Partei in der "schwersten strukturellen Krise seit ihrem Bestehen". In einem Gastbeitrag für den Tagesspiegelforderte er, das Profil "der neuen FDP" müsse "durch neue Gesichter" geprägt werden. Der schleswig-holsteinische FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki forderte Homburger auf, die Führung der Bundestagsfraktion in neue Hände zu legen. Er hoffe "weiterhin, dass es auch Veränderungen an der Spitze der Bundestagsfraktion geben wird", sagte er. Der Landtags-Fraktionschef der in Bayern mitregierenden FDP, Thomas Hacker, zeigte sich unzufrieden. "Das Signal zur Veränderung muss noch stärker werden." Der frühere FDP-Chef Wolfgang Gerhardt forderte, Rösler müsse auf dem kommenden Parteitag im Mai für eine Mannschaft antreten, "die auch ein Stück Erneuerung im Präsidium beinhaltet". Funktionäre wie der Jungliberalen-Chef Lasse Becker oder FDP-Bundesvorstandsmitglied Johannes Vogel äußerten sich in Interviews ähnlich.

Rösler hatte nach seiner Kandidatur darauf verzichtet, Veränderungen im Bundeskabinett anzukündigen. Die FDP-Spitze sprach sich einmütig dafür aus, dass Westerwelle Außenminister bleibt. Der nach dem Wahldesaster von Rheinland-Pfalz kritisierte Landeschef Rainer Brüderle leitet weiter das Bundeswirtschaftsressort. Auch die wegen ihres Stils umstrittene Fraktionschefin Birgit Homburger, die als Südwest-Landesvorsitzende für den Verlust der Regierungsmacht in Baden-Württemberg hauptverantwortlich ist, bleibt vorerst im Amt.

Die Fraktionschefin ist aber bereit, in Rededebatten öfter anderen Politikern, wie etwa Generalsekretär Christian Lindner, den Vortritt zu lassen. Rösler kündigte an, an dem Parteitag im Mai in Rostock einen Vorschlag für die Neubesetzung des Parteipräsidiums zu machen. Zudem beabsichtigt er, als Vizekanzler die Politik der anderen Bundesminister vorzugeben.

Parallel zu Röslers Kandidatur beleben viele Liberale auch die Diskussion über Steuersenkungen neu. Der bayerische FDP-Wirtschaftsminister Martin Zeil sagte, nichts halte die Koalition in Berlin davon ab, "dieses Jahr einen Schritt gegen die kalte Progression zu unternehmen und die Leistungsträger zu entlasten". Auch der FDP-Europaabgeordnete Alexander Graf Lambsdorff verlangte, das Parteiprofil zu schärfen. "Unsere ureigenen Themen sind die Vereinfachung des Steuerrechts und mittelstandsfreundliche Politik", sagte Lambsdorff.

Rösler dämpfte die Erwartungen: Steuerentlastungen müssten zwar kommen. Zugleich halte die FDP aber auch die Lage der öffentlichen Haushalte im Blick. Man müsse "schauen, wann und welche Spielräume sich ergeben", sagte der Bundesgesundheitsminister der Bild-Zeitung. Auch Leutheusser-Schnarrenberger nannte die Konsolidierung "mindestens ebenso wichtig" wie Steuererleichterungen. Es habe "keinen Sinn, Steuersenkungen zu fordern, solange die Chancen schlecht sind, sie auch durchzusetzen". Wolfgang Schäuble, der zuständige Finanzminister und CDU-Politiker, hatte bereits klar gemacht, dass er dem Schuldenabbau Vorrang vor Steuersenkungen gibt.