Die Grünen werben nach dem umstrittenen Verbleib des früheren Bundesbankers und Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazins in der SPD um enttäuschte Genossen. "Wir bieten allen, die sich ihrer politischen Heimat beraubt fühlen, an, sich bei uns zu engagieren", sagte Grünen-Chef Cem Özdemir der Passauer Neuen Presse. Die SPD habe den "Anspruch verwirkt, weiterhin die erste Adresse für viele Menschen mit Migrationshintergrund zu sein". Offenkundig sei der SPD ein "Deal mit Sarrazin" im Vorfeld der Berliner Wahlen zum Abgeordnetenhaus "wichtiger als die eigene Glaubwürdigkeit und Tradition als weltoffene Partei".

Viele Migranten der ersten Generation hätten sich in der SPD engagiert, weil sie die Sozialdemokratie als ihre deutsche Heimat gesehen hätten, "die für Solidarität und Gerechtigkeit" eintrete, sagte Özdemir weiter. Sarrazin und ein Partei-Ideal der Vielfalt passten jedoch nicht zusammen.

Der SPD-Bundesvorstand und drei weitere Antragsteller hatten ihre Anträge auf Parteiausschluss zurückgezogen, nachdem das Parteischiedsgericht am Gründonnerstag eine gütliche Einigung vorgeschlagen hatte. Sarrazin hatte in einer persönlichen Erklärung versichert, er habe weder Migranten diskriminieren noch sozialdemokratische Grundsätze verletzen wollen.

In Bremen sind die Grünen bereits stärker als die konservative Konkurrenz. Wenige Wochen vor der Wahl zur Bürgerschaft liegen die Grünen in einer Umfrage erstmals vor der CDU. In einer Emnid-Erhebung für die neue Ausgabe des Magazins Focus erreichten die Grünen 24 Prozent und lagen damit auf Platz zwei hinter der SPD, die 37 Prozent erreichte. Damit zeichnet sich eine Fortsetzung der rot-grünen Koalition ab.

Bei der Wahl 2007 hatten die Grünen mit 16,5 Prozent ihr bis dahin bestes Ergebnis bei einer Landtagswahl erzielt. Die SPD erreichte 36,7 Prozent. Beide Parteien regieren in der Hansestadt seitdem in einer rot-grünen Koalition.

Die CDU mit ihrer Spitzenkandidatin Rita Mohr-Lüllmann muss sich bei der diesjährigen Wahl am 22. Mai der Umfrage zufolge auf eine herbe Niederlage einstellen. Sie kommt demnach nur noch auf 22 Prozent. Bei der Wahl vor vier Jahren hatte die Union 25,6 Prozent der Stimmen bekommen. Für die FDP sprachen sich in der Umfrage nur vier Prozent aus, womit sie nach derzeitigem Stand den Wiedereinzug in die Bürgerschaft verfehlen würde. Die Linkspartei kommt der Umfrage zufolge auf sieben Prozent. Sie war bei der Bremer Bürgerschaftswahl vor vier Jahren mit 8,4 Prozent erstmals in ein westdeutsches Landesparlament eingezogen.

Profitieren könnten die Grünen in Bremen dem Bericht zufolge auch davon, dass bei der Landtagswahl erstmals auch 16- und 17-Jährige in dem Stadtstaat ihre Stimme abgeben dürfen. Nach Ansicht des Politologen Joachim Behnke von der Universität Friedrichshafen dürften die Grünen in Bremen am meisten vom neuen Wahlrecht profitieren, gefolgt von Linkspartei und SPD.