Die neuen Hochglanz-Wörter der Grünen-Elite lauten "bürgerlich" und "wertkonservativ". Kaum ein Interview vergeht, in denen Jürgen Trittin, Renate Künast oder Cem Özdemir sie nicht fallen lassen.

" Ich kenne nur noch bürgerliche Parteien ", sagt beispielsweise Fraktionschef Trittin, einst berüchtigt für seine stramm-linken Ansichten. Parteichef Özdemir ist stolz auf die schwäbischen "Firmenbosse", die diesmal in Baden-Württemberg grün gewählt haben. Und Künast kündigt an, dass sie den "Porschefahrern ihren Spaß lassen" werde, wenn sie erst einmal Berlin regiert.

Die grüne Botschaft dieser Tage ist klar zu vernehmen: Wir sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und: Wir sind nicht wirtschafts- oder spaßfeindlich. Die Phase, in der sich die Grünen-Führung vornehmlich einem linken Lager verpflichtet fühlte, gehört offensichtlich der Vergangenheit an. Deutlich formuliert es der hessische Spitzen-Grüne Tarek al-Wazir: Die Grünen müssten nun verstärkt "Angebote für viele" machen. Man sei spätestens seit den jüngsten Erfolgen in Wahlen und Umfragen keine "radikale Kleinpartei" mehr.

Im Gegenteil, Deutschlands Musterländle Baden-Württemberg hat demnächst sogar einen grünen Ministerpräsidenten. Winfried Kretschmann, ein katholischer Schützenkönig aus Sigmaringen , gilt gewissermaßen als neues grünes Rollenmodel. Früher war Kretschmann Kommunist. Heute hat der Revoluzzer-Gestus ausgedient. Im Wahlkampf beschwor er die "Mitte" und den "Ausgleich". Aufgrund seines bedächtigen Auftritts genießt er Sympathien auch im CDU-Lager. Kürzlich lästerte Kretschmann in einem Interview mit der Welt am Sonntag über "linke Ideen", die beim Regieren nicht helfen würden.

Nicht alle in der Partei freut diese neue Bürgerlichkeit. Gerade unter den jüngeren Grünen formiert sich Widerstand. Sie bezeichnen sich selbst als Partei-"Linke". Ihre Gegner nennen sie bürgerliche "Reformer". Realos und Fundis, das war einmal. Heute duellieren sich Linke und Reformer bei den Grünen.

Drei linke Grünen-Politiker, die seit Längerem als Hoffnungsträger der Partei gelten, haben nun ein 21-seitiges Strategiepapier verfasst, das ZEIT ONLINE vorliegt. Das Papier von Stephan Schilling, Agnieszka Malczak und Arvid Bell ist eine Analyse der Baden-Württemberg-Wahl. Aber sie birgt Streitpotential, weil sie den neuen Grundsatzkonflikt der Grünen explizit verbalisiert. Die Autoren warnen davor, zur "Wischi-Waschi-Partei" zu werden, die es allen recht machen wolle.

Der Erfolg in Stuttgart, so argumentieren sie, beruhe auf "Themenzuspitzung" und einer "Mobilisierung" der Wähler "links der Mitte". Das habe sich auch daran gezeigt, dass die Linkspartei "schlicht und einfach nicht gebraucht" wurde, und am Landtagseinzug scheiterte. Man habe sich eindeutig "als Gegenspieler zur CDU" positioniert und habe damit reüssiert.

Agnieszka Malczak ist eine Autorin der Studie. Die 26-jährige Bundestagsabgeordnete sagt ZEIT ONLINE: Das "Konzept Volkspartei", das manchen Parteifreunden derzeit vorschwebe, "führt nicht zum Erfolg". Das "historische Ergebnis" in Baden-Württemberg sei durch "Politisierung und Polarisierung" eingefahren worden, und das bei einer ausgesprochen hohen Wahlbeteiligung. Die Grünen stünden für "linke, ökologische, reformorientierte Politik". Darauf beruhe die hohe attestierte Glaubwürdigkeit und damit habe man auf viele Nichtwähler attraktiv gewirkt. "Diesen Kurs zu ändern, wäre die falsche Schlussfolgerung aus dieser Landtagswahl."

Die jungen Grüne-Linken setzen weiter auf Umverteilung von Oben nach Unten, auf einen pazifistischen Kurs in der Außenpolitik, auf die Einführung diverser Öko- und Vermögenssteuern. Kurz: Spaß für Porschefahrer ist ungefähr das Letzte, was sie fordern würden.