Eine Frage der Betreuung – Seite 1

Bis vor kurzem wäre Maria B.'s (Name geändert) Zukunft vorgezeichnet gewesen: Ein hoffnungsloser Fall, der, wie Hunderttausende andere früher oder später im Ämterdschungel verloren geht. Die 21-jährige Analphabetin aus Bulgarien, die vor einigen Jahren mit ihrer Mutter nach Deutschland gekommen ist, wäre von Behörde zu Behörde gelaufen, von der Bundesagentur für Arbeit (BA) zum Jobcenter und dann zum Sozialamt. Sie hätte dutzende Termine bekommen, ein paar davon vielleicht vergessen. Und irgendwann hätte sie dauerhaft in der Sackgasse Hartz IV festgesteckt und festgestellt, dass man ihr nirgends so richtig helfen kann – ihr immer wieder dieselben Fragen stellt.

Denn, und das ist das große Problem, die einzelnen Behörden, die sich in Deutschland um junge Arbeitslose wie Maria kümmern, arbeiten schlecht oder gar nicht zusammen: Die gut ausgebildeten Berufsberater haben ihre Büros in der Bundesagentur, Transferzahlungen gibt es im Jobcenter und wer mit Drogen, Schulden oder familiären Problemen zu kämpfen hat, bekommt einen Termin beim Jugendamt. Diese Doppel- und Dreifachbetreuung ist teuer und nicht zielgerichtet, Experten sprechen von einer "Schickpraxis", bei der junge Erwachsene wie Maria auf der Strecke bleiben.

Doch Maria hat Glück, sie wohnt in Düsseldorf. Im "Jugend-Job-Center Plus" sitzen alle zuständigen Ansprechpartner auf einer Etage, welcher Mitarbeiter von welcher Behörde stammt, ist nur noch an den Türschildern zu erkennen. Von den kurzen Wegen profitieren die Berater, die sich besser abstimmen können, und Klienten wie Maria B., die nicht wochenlang auf neue Termine bei anderen Anlaufstellen warten musste.

Das Jugendamt vermittelte der jungen Frau, die gerne in der Gastronomie arbeiten möchte, einen Hauswirtschaftskurs, das Jobcenter schickte sie zur Alphabetisierung und die Berufsberater der BA unterstützen sie jetzt beim Sprung in die Ausbildung und aus der Transfer-Sackgasse: "Mit 21 Jahren hat sie noch gute Chancen", sagt Petra Neu, die Geschäftsführerin der Düsseldorfer Arbeitsagentur, deren Mitarbeiter selbst den Anstoß dazu gaben, enger mit den Kollegen in den anderen Ämtern zu kooperieren. "Die Idee kam direkt aus der Praxis", sagt Neu.

Düsseldorf ist eine von sechs Modellregionen, die Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) im vergangenen Jahr zum " Arbeitsbündnis Jugend und Beruf " zusammengefasst hat: Die betroffenen Behördenchefs treffen sich seitdem regelmäßig, um ein Musterkonzept für eine verbesserte "Schnittstellenzusammenarbeit" zu entwickeln. Dahinter verbirgt sich die Idee, dass Fachkräfte verschiedener Behörden Informationen künftig auf dem kleinen Dienstweg austauschen sollen, um besser auf die Probleme der Transferempfänger eingehen zu können. Für die Jugendliche soll es künftig nur noch eine, statt wie bisher drei, Anlaufstellen geben und besonders viel versprechende Kooperationsmodelle sollen auf andere Regionen übertragen werden.

In diesem Jahr übernahmen bereits vierzehn weitere Kommunen das Modellkonzept, ab 2012 sollen bundesweit alle Behörden die Möglichkeit bekommen, wie in Düsseldorf unter einem Dach zusammenzuarbeiten. In der nordrhein-westfälischen Muster-Kommune ist man sicher, dass durch das Zusammenrücken mehr Schwervermittelbare einen Job finden und die Nürnberger Arbeitsagentur ist überzeugt, dass den Problemen junger Transferempfänger "nachhaltig nur durch die gemeinsame Anstrengung unterschiedlicher Akteure" begegnet werden könne, sagt eine Sprecherin.

 Arbeitsmarktexperten glauben, die Reform soll vom eigentlichen Problem ablenken

Doch, obwohl die ersten Erfahrungen mit den neuen Abläufen den Verantwortlichen Recht geben: Viele glauben, dass das Problem der schwierigen Vermittlung arbeitsloser Jugendlicher ganz wo anders liegt: In Deutschland waren im März knapp 300.000 Unter-25-Jährige arbeitslos gemeldet. Und trotz Fachkräftemangels hängen rund 320.000 junge Menschen im sogenannten Übergangssystem fest, also in Weiterbildungsmaßnahmen, Fortbildungen und Berufsschulklassen.

Wissenschaftler wie der Koblenzer Arbeitsmarktexperte Stefan Sell kritisieren, dass diese Maßnahmen zu weit weg von den Betrieben und zu nah dran an den Schulen sind – in denen viele der Jugendlichen bereits gescheitert sind: "Das jetzige Übergangssystem gehört abgeschafft", fordert der Ökonom deshalb, der eine für "Verbetrieblichung" der Maßnahmen plädiert. "Sie müssen diesen Jugendlichen so schnell wie möglich einen Zugang zur realen Arbeitswelt geben", sagt Sell. Die Strukturreform zum "Jobcenter Plus" hält der Experte für ein politisches Manöver, das vor allem von den wahren Problemen ablenken soll.

In die gleiche Kerbe schlägt die Opposition im Bund. Die SPD-Arbeitsmarktexpertin Katja Mast hält die Behördenreform zwar für einen Schritt in die richtige Richtung. Doch auch sie sieht das Hauptproblem im Übergangssystem von Schule zu Beruf. Die Bundestagsabgeordnete bemängelt, dass es nichts bringe, "schulmüde Jugendliche wieder auf die Schulbank zu setzen". Nur durch eine berufliche Perspektive könnten junge Transferempfänger motiviert und eine Null-Bock-Einstellung vermieden werden.

Brigitte Pothmer, die arbeitmarktpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, will die "sinnlosen Warteschleifen" im Übergangssystem, die jährlich vier Milliarden Euro kosteten, beseitigen. "Dieser Förder-Dschungel ist intransparent, teuer und leistet keine wirkliche Hilfestellung", sagt die Grünen-Politikerin. Sie fordert ein Sofort-Programm, durch das zusätzliche überbetriebliche Ausbildungsplätze entstehen sollen. "Die Vermittlung in Ausbildung ist die beste Förderung", sagt Pothmer.

Die Bundesregierung ist noch zögerlich. Bisher hat sie lediglich eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die Vorschläge zur "Effizienzverbesserung des Übergangssystems" vorlegen soll. Ergebnisse wurden jedoch noch nicht veröffentlicht, heißt es aus dem Bildungsministerium. Sinnvollerweise würden die Ergebnisse in die von von der Leyen angestoßene Reform der arbeitsmarktpolitischen Instrumente einfließen, sagt eine Sprecherin des Ministeriums.

Mit raschen Lösungen ist also nicht zu rechnen. Was die Lage vieler junger Arbeitsloser sogar noch verschärfen könnte: Die Opposition rechnet damit, dass für Maßnahmen, die den Berufseinstieg erleichtern sollen, künftig weniger Geld zur Verfügung stehen wird. "Die Arbeitsministerin muss in vier Jahren 22,5 Milliarden Euro einsparen. Sie wird beim Fördern kürzen, andere Möglichkeiten hat sie nicht", sagt die SPD-Abgeordnete Mast.