Am Tag danach kann man Wolfgang Hilleke die Freude über seinen Triumph noch immer anhören. "Da rappelt es jetzt ganz schön im Karton", sagt der Bürgermeister von Attendorn im südlichen Sauerland vergnügt, "und dazu haben wir entscheidend beigetragen." Er und ein Kollege hatten gegen die Gründung einer Gemeinschaftsschule im benachbarten Finnentrop geklagt. Am Dienstag hat ihnen das Verwaltungsgericht Arnsberg in einem Beschluss Recht gegeben, die Schule darf erst einmal nicht an den Start gehen.

Damit hat der parteilose Hilleke die Landesregierung in Düsseldorf in Bedrängnis gebracht, denn die Gründung von Gemeinschaftsschulen zählt zu den wichtigsten Prestigeprojekten der rot-grünen Minderheitsregierung. In den Gemeinschaftsschulen sollen die Kinder mindestens bis zum Ende der sechsten Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Danach sollen die Schulen selber wählen können: Entweder, die Schüler werden danach zwar weiter auf der gleichen Schule, aber entsprechend der unterschiedlichen Schulformen Hauptschule, Realschule und Gymnasium getrennt unterrichtet, oder sie verbleiben weiter alle in einer Klasse – trotz ihrer Leistungsunterschiede. Vor allem Hauptschulen und Realschulen sollen sich zu diesem neuen Schulmodell zusammenschließen. Mit kleineren Klassen und anderen Vorteilen soll es Eltern und Kinder für sich einnehmen. SPD und Grüne hoffen, dass gerade die in ihrer Existenz bedrohten Hauptschulen durch das Lernen unter einem gemeinsamen Dach gerettet werden können.

Für 14 solcher Schulen hat die Landesregierung mittlerweile Genehmigungen erteilt. In vielen anderen Bundesländern, darunter Schleswig-Holstein, Berlin und Niedersachsen, gibt es ähnliche Programme. Die Gemeinschaftsschule ist quer durch die Parteien bundesweit das neueste Mode-Projekt im immerwährenden Streit um die richtigen Schulformen.

In Nordrhein-Westfalen, einem Land, in dem der Schulstreit in der Vergangenheit besonders heftig tobte, hatte sich die Gefechtslage in den letzten Jahren gerade erst beruhigt. Die CDU hat sich mit der einst so verhassten Gesamtschule arrangiert, die SPD kämpft nicht mehr gegen das dreigliedrige Schulsystem, alle versprachen sie nach der Landtagswahl im vergangenen Jahr, die ideologischen Kämpfe zu Gunsten einer pragmatischen Bildungspolitik zurückzufahren. Und die grüne Bildungsministerin Sylvia Löhrmann entschied sich, die Gemeinschaftsschulen erst einmal auf Grundlage einer "Experimentierklausel" im Landesgesetz einzuführen und auf ein eigenes Gesetz zu verzichten. Die neue Schulform sollte ein "Angebot" sein, das interessierte Kommunen wahrnehmen können, nichts, was von oben verordnet wird – so sah sie aus, die neue, sanfte Schulpolitik.

Doch damit könnte es jetzt vorbei sein. Denn das Arnsberger Gericht hat in seinem Beschluss angemahnt, dass die Gemeinschaftsschule eben kein Experiment, sondern "Teil einer (...) systematischen Einführung einer neuen Schulform" ist. Dafür brauche man ein Landesgesetz. Das Bildungsministerium gibt sich gelassen. Sofort hat es Beschwerde gegen den Bescheid vor dem Oberverwaltungsgericht Münster eingelegt. "Wir wollen das so schnell wie möglich klären", sagt eine Sprecherin, "damit die Eltern und Kinder auch Sicherheit haben“. Man rechne mit einem Urteil noch vor den Sommerferien. Und an einem entsprechenden Landesgesetz sitze man sowieso schon.

Die Opposition wettert derweil gegen die Gemeinschaftsschulen. "Das war handwerklich schlecht gearbeitet", sagt der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Thomas Sternberg. Und Ingrid Pieper von Heiden, seine Amtskollegin bei der FDP, hält das Konzept der Regierung für "nicht verantwortbar" gegenüber den Schülern. "In so einer Schule kann das nicht klappen mit der individuellen Förderung, dazu sind unsere Lehrer gar nicht gut genug ausgebildet." Sie fordert einen Bestandsschutz für das Gymnasium und will, dass die Schüler ab der fünften Klasse nach Leistung aufgeteilt und nicht mehr gemeinsam unterrichtet werden. Auf der anderen Seite des Parteienspektrums würden die Linken die Gemeinschaftsschulen gerne weiter zu vollwertigen Gesamtschulen ausbauen. Wie die Minderheitsregierung bei diesen so unterschiedlichen Positionen die nötige Mehrheit für ein Landesgesetz zusammenbekommen will, ist noch völlig unklar.

Schaut man in die Praxis, wird klar, dass es eigentlich gar keine konzeptionellen Vorbehalte sind, die den Gemeinschaftsschulen zu schaffen machen. "Ich habe ja gar nichts gegen eine neue Schulform", sagt der Attendorner Kläger Wolfgang Hilleke. Für böses Blut sorgt in der Regel nicht die Frage, wie die Kinder unterrichtet werden, sondern in welcher Kommune sie zur Schule gehen. Angesichts sinkender Schülerzahlen konkurrieren gerade die Schulen auf dem Land zunehmend um Anmeldungen. Die Linken-Politikerin Gunhild Böth spricht schon von "Schul-Kannibalismus". Auch Bürgermeister Hilleke klagte vor allem, weil er seine eigenen Schulen schützen wollte.

Am Attendorner Gymnasium kommt jeder vierte Schüler aus der Nachbargemeinde Finnentrop. Nimmt man die anderen Schulen dazu, pendeln täglich 480 Schüler über die Ortsgrenze. "Das sind doch über Jahre gewachsene Strukturen", sagt Hilleke, "da kann man doch über Nacht nicht so tun, als ob das alles nicht mehr zählen würde.“ Von der Gründung der Gemeinschaftsschule habe man aus der Zeitung erfahren, "mit uns wurde da nichts abgestimmt". 

Das ist vielleicht das eigentliche Problem: Für die Gemeinden ist Schulpolitik vor allem Standortpolitik. Und mit der neuen Gemeinschaftsschule bietet sich ihnen eine neue Möglichkeit, die eigene Attraktivität für Eltern zu steigern – im Zweifelsfall auf Kosten der Nachbargemeinden. Für die FDP-Politikerin Ingrid Pieper-von Heiden ist das Grund zu Kritik: "Die Politik der Landesregierung bringt bestehende Schulen in Gefahr“, sagt sie, "in einer Mehrheit der Fälle gehen die Gemeinschaftsschulen zu Lasten der benachbarten Kommunen". Im Ministerium hingegen beharrt man darauf, dass jede Gemeinde das Recht habe, "ein eigenes attraktives Schulangebot zu machen".

Die verrufene Hauptschule, die unklare Zukunft der Gemeinschaftsschulen, der Druck durch den demographischen Wandel: All diese Streitfragen werden wohl in den nächsten Wochen und Monaten die Düsseldorfer Politik wieder zunehmend plagen. Anlass zur Hoffnung, dass es diesmal vielleicht nicht in parteipolitischen Grabenkämpfen endet, gibt ein Beispiel aus Ascheberg im Münsterland: Die Kommune hat als erste im ganzen Land eine Gemeinschaftsschule genehmigt bekommen. Die Pointe: Der Bürgermeister, der sich jetzt als Vorreiter des rot-grünen Modells feiern lässt, ist Mitglied der CDU.