Frage: Herr Jahn, fast auf den Tag genau vor 30 Jahren ist Ihr Freund Matthias Domaschk in Gera in Stasi-Untersuchungshaft ums Leben gekommen. Müssen Sie die DDR nicht hassen bis heute?

Roland Jahn: Hassen ist nicht das richtige Wort. Denn die DDR war für mich nicht der Staat, sondern das, was ich als Heimat empfunden habe. Das war meine Familie, meine Freunde. Das war etwas Schönes. Ich bin ja nicht als Staatsfeind geboren worden, ich bin zum Staatsfeind gemacht worden.

Frage: Aber der Tod Ihres Freundes hat Ihr Leben geprägt?

Jahn: Entscheidend. Ich habe danach den Staat insgesamt infrage gestellt. Erst war es Wut über den Verlust eines Freundes. Doch dann wollte ich sehr bald wissen, wie so etwas möglich sein konnte, wie ein junger Mensch auf dem Weg nach Berlin aus dem Zug geholt wird und dann auf einmal tot ist. Was ist das für ein Staat, in dem junge, lebenslustige Menschen von der Staatssicherheit verfolgt werden und am Ende auf der Strecke bleiben? Der Fall Matthias Domaschk zeigt das System Staatssicherheit: wie vom Spitzelbericht eines inoffiziellen Mitarbeiters bis zum Tod in der Stasi-Zelle sehr viele Menschen beteiligt waren. Am Ende ist einer tot, und keiner will's gewesen sein.

Frage: Sie selbst gelten nicht als verbittert.

Jahn: Wir haben unsere Lebenslust dem Staat entgegengesetzt. Der Staat hätte gewonnen, hätten wir sie uns nehmen lassen. Und weil ich weiß, was Unfreiheit bedeutet, kann ich heute meine Freiheit umso besser nutzen und genießen.

Frage: Sie verstehen sich auch in Ihrer neuen Funktion als Anwalt der Opfer. Kommen deren Belange im vereinten Deutschland zu kurz?

Jahn: Sie finden zu wenig Gehör. Und solange Opfer unzufrieden sind, müssen wir ihren Empfindungen Respekt zollen. Wenn heute jemand, der gesund verhaftet und krank entlassen wurde, beweisen muss, dass die Krankheit ursächlich mit den Haftbedingungen zusammenhing, dann ist er auf verlorenem Posten.

Frage: Sie wollen ein Versöhner sein. Nehmen die Peiniger von damals die ausgestreckte Hand an?

Jahn: Versöhnen können sich immer nur die direkt Betroffenen. Den Zeitpunkt dafür müssen die Opfer bestimmen. Es passt nicht zusammen, dass die ehemaligen Täter die Vorteile des Rechtsstaates und des Sozialstaates genießen, aber immer noch so tun, also ob die DDR der bessere Staat gewesen sei. Einfach mal zuzugeben, dass die Freiheit, die wir jetzt leben können, etwas anderes ist als das unfreie System, das sie uns aufgedrückt haben, das wäre ein erster Schritt des Eingeständnisses. Aber das vermisse ich.

Frage: Was müsste geschehen, damit sie das tun?

Jahn: Wir brauchen eine offene Diskussion über Verantwortung. Ich wünsche mir ein Klima, in dem ein Neuanfang auch für Menschen möglich ist, die in der Diktatur Teil des Machtapparats waren. Aber es muss dabei eine Auseinandersetzung geben über die Stellung, die diese Leute in der DDR hatten und wie sie sich verhalten haben. Da müssen sie durch. Es ist doch kein Zufall, dass gerade Rechtsanwälte darauf beharren, dass die DDR kein Unrechtsstaat war – denn sonst würden sie ja ihr eigenes Berufsleben infrage stellen.

Frage: Sie selbst haben sich mal als Rädchen bezeichnet, das sich im Mechanismus der Diktatur gedreht hat. Haben Sie Verständnis für Mitläufer?

Jahn: Verstehen und akzeptieren ist ein Unterschied. Wichtig ist: Ich will begreifen, wie diese Diktatur funktioniert hat. Deswegen halte ich es für wichtig, dass sich jeder selbst darüber klar wird, wie er sich bewegt hat im Mechanismus der Diktatur. Das geschieht mir noch zu wenig. Viele Menschen wollen nicht wahrhaben, dass auch sie in der Form, wie sie sich – vielleicht unbewusst – angepasst haben, die Diktatur mit stabilisiert haben. Jeder, der in der DDR zur Wahl gegangen ist, hat ein Bekenntnis für diesen Staat abgelegt, wenn er die Kandidaten der Nationalen Front gewählt hat. Anpassung hatte in der DDR einen Preis – einen Preis, den meistens andere bezahlen mussten.