Frage: Haben Sie selbst an einer Wahl in der DDR teilgenommen?

Jahn: Ich habe teilgenommen und habe alle Kandidaten durchgestrichen. Das war einer der Punkte, weswegen ich dann von der Universität geflogen bin.

Frage: Woher nehmen Sie die Hoffnung, dass sich so ein offenes Gespräch über Anpassung und Verstrickung entwickeln könnte?

Jahn: Meine Hoffnung setze ich auf die Generation der Jugend. Sie fängt jetzt an, ihren Eltern, Großeltern, Lehrern Fragen zu stellen: Wie war das damals?

Frage: So eine Art neue 68er-Bewegung?

Jahn: Wenn man so will. Da entwickelt sich etwas. Bei Veranstaltungen mit Jugendlichen beobachte ich Frische, manchmal auch eine gewisse Rücksichtslosigkeit. Ich finde das gut.

Frage: Wie wollen Sie Leute erreichen, die sagen, sie hätten in der DDR glücklich gelebt?

Jahn: Indem ich ihnen sage: Ich habe auch glücklich gelebt. Das Leben in der DDR war doch nicht wegen des Staates so schön, sondern trotz des Staates. Wir müssen die Menschen abholen bei ihren eigenen Erinnerungen. Als ich mich vor meiner Wahl in der Linksfraktion des Bundestages vorgestellt habe, waren dort viele ganz begeistert, als ich sagte: Ich war auch in der FDJ. Selbstverständlich darf die DDR in ihrer Vielfalt beschrieben werden. Aber mir ist besonders wichtig, dass wir nicht vergessen, was die Diktatur bedeutet hat – nämlich Repression.

Frage: Viele Opfer klagen darüber, dass DDR- Symbole noch immer getragen werden. Es gibt FDJ-Partys und vor dem Brandenburger Tor stehen Leute in Volkspolizei-Uniform. Stört Sie solcher Mummenschanz?

Jahn: Die Empfindungen von Opfern nehme ich sehr ernst. Aber ich denke nicht, dass man deshalb gleich die Symbole der DDR verbieten sollte. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut.

Frage: Hubertus Knabe, der Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen, hat bei einer Diskussion mit Ihnen eine Linie gezogen von NS-Verherrlichung über Kinderpornografie bis zu DDR-Symbolen.

Jahn: Ich hüte mich, solche Linien zu ziehen. Entscheidend ist, dass wir uns an die Regeln des Rechtsstaats halten. Ich gönne den Tätern von damals den Rechtsstaat – den Rechtsstaat, den sie uns vorenthalten haben.

Frage: Bei Ihrer Amtseinführung haben Sie erklärt, jeder frühere Stasimitarbeiter, der noch immer in Ihrer Behörde beschäftigt ist, sei ein Schlag ins Gesicht der Opfer. War diese Feststellung nicht auch ein Schlag ins Gesicht ihrer Vorgänger Gauck und Birthler?

Jahn: Das sehe ich nicht so. Ich habe einen Zustand beschrieben, ein Problem benannt. Ich habe die Verletzungen der Opfer beschrieben. Und eine Erwartung geweckt. Ja, das zeigt, wie wichtig es ist, das Problem zu lösen. Ich habe gesagt: Es brennt. Und darum gebeten, dass wir gemeinsam dieses Feuer löschen. Ein Patentrezept habe ich nicht, aber ich möchte, dass die Politik gemeinsam mit mir nach Lösungen sucht.

Frage: Was können Sie tun?

Jahn: Ich will Sachlichkeit. Ich habe ein Gutachten zu den arbeitsrechtlichen Möglichkeiten in Auftrag gegeben. Es soll Ende Mai vorliegen. Ich habe zudem begonnen, mit allen Betroffenen zu sprechen. Mir geht es um die Glaubwürdigkeit der Behörde.

Frage: Es wurde schon vor Jahren versucht, die Betroffenen in anderen Bundesbehörden unterzubringen.

Jahn: Das mag sein. Bis jetzt ist das nicht geschehen.

Frage: Um wie viele ehemalige Stasi-Mitarbeiter geht es, wo sind sie tätig?

Das sind 47 Leute, die ehemals hauptamtlich für das Ministerium für Staatssicherheit tätig waren. Der größte Teil arbeitet in unserer Behörde im Wachschutz, auch am Empfang. Jedes Stasi-Opfer, das zu uns kommt, kann einem Ex-Stasimann am Eingang begegnen.

Frage: Was, wenn hohe Abfindungen gezahlt werden müssen?

Jahn: Abfindungen sind für mich nicht akzeptabel, sie wären zudem niemandem vermittelbar. Ich will die Leute auch nicht in der Behörde verstecken, das würde gar nicht gehen.

Frage: Werden Sie selbst die Behörde abwickeln?

Für mich steht das Thema derzeit nicht an. Ich bin für fünf Jahre gewählt.

Frage: Sie können für eine weitere Amtszeit bestätigt werden – die fällt ins Jahr 2019, den vorgesehenen Termin für das Ende der Behörde.

Jahn: Wir sind Dienstleister für die Gesellschaft. Es kann sein, dass die Behörde von der Gesellschaft einmal nicht mehr gebraucht wird. Wann das sein wird, ist nicht absehbar. Bisher waren alle Prognosen dazu falsch.

Frage: Es gibt noch fast 16.000 Säcke mit zerrissenen Akten, die nicht rekonstruiert worden sind. Warum geht es nicht voran?

Jahn: Das geht wunderbar vorwärts. Wir haben ein Pilotprojekt mit 400 Säcken. Wir werden analysieren, was wir da an Qualität erreichen. Ich warne aber auch vor zu hochgesteckten Erwartungen. Kosten und Nutzen müssen im Einklang stehen. Es geht nicht um einzelne Seiten, um einzelne Stasi-Spitzel. Zugespitzt: Wir dürfen nicht hunderttausende Euro ausgegeben, um einen einzigen IM zu enttarnen. Unser Anspruch ist aufzuklären, wie diese Diktatur funktioniert hat. Meine Grundhaltung heißt nicht Behörde, meine Grundhaltung heißt Aufklärung.

Erschienen im Tagesspiegel