Guido Westerwelles Amtsverzicht als Parteichef ist gerade vier Stunden her, als richtig Fahrt in die Diskussionsrunde bei Anne Will kommt. Die beiden Liberalen Gerhart Baum und Martin Lindner, einzige Politiker in der Talkrunde, überbieten sich gegenseitig mit Ideen für eine FDP unter neuer Führung: Justizverfahren endlich zu verkürzen, wäre ein lohnendes Ziel, sind sich beide einig. Die Stromnetze für erneuerbare Energien auszubauen, ein weiteres, schlägt der Berliner Technologiepolitiker Lindner vor. Baum nennt die Stärkung der Freiheitsrechte. Ein klares, bürgerlich-liberales Profil für die FDP, träumt Lindner, da gebe es keine Konkurrenz anderer Parteien. Angriffslustig sein und streiten wie die Grünen, will Baum.

Es ist wie auf einem Leichenschmaus – die Trauer weicht der Entspannung. Nur, dass der Gestorbene in diesem Fall noch lebt. Die beiden Liberalen an Wills linker Seite zeigen, mit dem Rückzug von Parteichef Guido Westerwelle fällt eine Last von der FDP. Die Partei soll nach der Selbstbeschäftigung endlich wieder Zeit für Projekte haben.

Rechts flankieren zwei Publizisten die Moderatorin:  Taz -Chefredakteurin Ines Pohl sowie Michael Spreng, einst Chef der Bild am Sonntag und Edmund Stoibers Wahlkampfberater. Die Sicht der Wirtschaft darf Hans-Olaf Henkel einbringen, früher Präsident des Industrieverbands BDI. Wills Gäste-Quintett war die erste Runde nach Westerwelles eiliger Erklärung , die öffentlich dessen Schritt analysieren und einen Blick in die Zukunft wagen konnte. Das Thema "Störfall FDP – Westerwelle weg, Problem gelöst" war zwar wohl mit Blick auf eine mögliche Rücktrittsankündigung am heutigen Montag geplant gewesen, doch erst die Entwicklung des Sonntags machte es dann zur Punktlandung: Aus Asien zurückgekehrt, hatte Westerwelle am Abend in Berlin gesagt , dass er im Mai nicht wieder als Parteivorsitzender kandidiert. Während der 49-Jährige durch China und Japan reiste, hatten Spitzenliberale ihn erst verdeckt, später dann ganz offen zur Aufgabe gedrängt. Zu zahlreich waren die Wahlniederlagen der vergangenen Wochen, zu verheerend der 2010 eingesetzte bundesweite Verlust an Wählersympathie. Und zu dürftig war ihnen Westerwelles Versprechen, die Ursachen dessen sorgfältig aufzuarbeiten und dann Schlüsse zu ziehen.

Einen Teil der Sendezeit nutzt die Runde für die Fehleranalyse. Ein Einspielfilm schildert Westerwelle als beratungsresistenten Funktionär, auch sein Lebenspartner bleibt nicht unerwähnt, der den Außenminister im Regierungsflieger ins Ausland begleitete. Lindner führt den Kursschwenk der Koalition weg von der Kernkraft als Fehler an. Auch die versprochene, aber nicht gelieferte Steuerreform, die umstrittene Steuerermäßigung für Hoteliers sind weitere, bereits bekannte Punkte. Spreng sieht den einzigen außenpolitischen Erfolg des Ministers Westerwelle in dem für Deutschland errungenen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Den Erfolg habe er aber wieder zunichte gemacht, indem er sich in der Abstimmung über den Militäreinsatz in Libyen enthielt – gemeinsam mit Russland und China. Während der Außenminister über Jahrzehnte stets zu den beliebtesten Politikern gehörte, habe Westerwelle dieses Amt geradezu ruiniert.

Es ging aber auch um die Fragen, wer Westerwelle folgen könne und ob er als Nicht-Parteichef noch Außenminister bleiben dürfe . Das ist insofern interessant, da die Koalitionsparteien bisher stets versuchten, im Bundeskabinett größtmöglichen Einfluss zu nehmen. Neben Westerwelle hat dort derzeit nur Kanzlerin Merkel einen Parteivorsitz inne, aus der CSU niemand.

Brauchbare Antworten hat keiner von Anne Wills Sitznachbarn. Gemeinsam geht man die Reihe der jüngeren FDP-Spitzenfunktionäre durch, wägt deren Vor- und Nachteile ab.

Philipp Rösler zum Beispiel. Auch in Wills Fernsehstudio bestreitet keiner, dass der niedersächsische FDP-Chef gute Aussichten auf den obersten Parteiposten hat. Als Bundesgesundheitsminister versuchte er mit mäßigem Erfolg, die Gesundheitsfinanzierung zu reformieren. Den Parteivorsitz könnte der 38-jährige Rösler bewältigen, sagt Spreng, aber unmöglich mit dem von Lobbyinteressen überlagerten Gesundheitsressort. Seit dem Wochenende kursiert die Variante, Rösler könnte den seit der verlorenen Landtagswahl angeschlagenen Rheinland-Pfälzer Rainer Brüderle im Wirtschaftsressort ablösen. So wäre der neue Parteichef an wichtiger Stelle im Kabinett vertreten. Taz- Chefin Pohl ist skeptisch. Denn wahrscheinlich würde FDP-Gesundheitsstaatssekretär Daniel Bahr an Röslers Stelle rücken. Bahr, FDP-Chef in NRW, sei "noch viel näher an der Pharmalobby dran" als Rösler.

Hans-Olaf Henkel widerspricht ebenfalls. Rösler solle erst mal den einen Job beenden. Die FDP müsse das Finanzministerium führen. Dort habe Ressortchef Wolfgang Schäuble von der CDU "viele enttäuscht". "Das wäre eine Möglichkeit für die FDP, Entscheidendes zu bewegen."

Das setzt jedoch eine große Kabinettsumbildung voraus, die nur die Kanzlerin veranlassen kann. Bisher hat Merkel diesen Schritt vermieden. Doch nützen würde es nicht nur den Liberalen, analysiert Henkel. Nur durch das Regieren an wichtiger Stelle erstarke die FDP. Und eine stabile FDP sei auch im Interesse der CDU, denn auch Merkel sei in der Koalition auf starke Partner angewiesen.

Aber auch Generalsekretär Christian Lindner wird als möglicher Nachfolger Westerwelles genannt. Ein Einspielfilm zeigt den 32-Jährigen – mit technisch verfremdet grün kolorierter Haut, wie er die dauerhafte Abschaltung der jetzt von Merkel vorübergehend stillgelegten Atomkraftwerke fordert. Baum würde Lindner sogar Rösler vorziehen. Die anderen in der Runde bleiben unkonkret.

Taz -Chefin Pohl staunte zu Beginn, "wie schnell das Übel ausgemacht ist". Mit Westerwelles Amtsverzicht seien die Probleme der FDP noch nicht gelöst. Am Montag könnte die Parteiführung zumindest eine Frage beantworten: Wer an Westerwelles Stelle im Mai als Parteivorsitzender antritt.