Der scheidende FDP-Chef Guido Westerwelle will den Posten des Vizekanzlers an seinen Nachfolger an der Spitze der Partei abgeben. "Es ist völlig klar, dass der nächste Parteivorsitzende, wenn er dem Kabinett angehört, auch Vizekanzler wird", sagte Westerwelle nach Angaben von Teilnehmern bei einer Präsidiumssitzung.

Das Parteipräsidium berät derzeit in einer verlängerten Sitzung über die Konsequenzen aus dem Rückzug Westerwelles und die künftige Programmatik der Partei.

Der Tagesspiegel berichtete unter Berufung auf Parteikreise, Gesundheitsminister Rösler solle Westerwelle an die Parteispitze folgen. Auch ZEIT ONLINE erfuhr aus Kreisen der Parteiführung, Rösler werde als Bundeschef kandidieren. Die endgültige Entscheidung falle aber erst am Dienstag in einer gemeinsamen Sitzung von Bundesvorstand und Bundestagsfraktion. Sofern Rösler Minister bleibt, wäre auch klar, dass er neuer Vizekanzler wird.

Der Außenminister hatte am Sonntagabend erklärt, er werde beim Parteitag im Mai nicht mehr als FDP-Chef antreten. Damit zog er die Konsequenz aus dem bundesweiten Verlust von Wählersympathie, der eine Reihe von Wahlniederlagen und beispiellose Kritik aus den eigenen Reihen folgten.

Der Amtsverzicht Westerwelles beendete die Diskussion über personelle Veränderungen in der Parteispitze aber nicht. Erwartet wird, dass die FDP-Präsidiumsmitglieder auf ihrer Sitzung in der Bundeszentrale auch über neue Personen für die künftige Parteiführung sprechen. Laut Bild könnte diese bereits am Dienstag bekannt gegeben werden. Funktionäre aus den Ländern verlangten auch am Tag nach Westerwelles Erklärung weitere Reformen.

Beim Parteitag im Mai gehe es um die Neuaufstellung der gesamten Führungsspitze. Dies erwarte auch die Basis, sagte der Vorsitzende des mitgliederstärksten FDP-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen, Daniel Bahr. "Wir müssen die gesamte Mannschaftsaufstellung finden". Auch der sächsische FDP-Landesvorsitzende Holger Zastrow sprach sich für weitere Wechsel aus. "Es geht nicht bei einer Partei, die in der Regierung ist, dass sich alle hinter dem Vorsitzenden verstecken", sagte er. Der schleswig-holsteinische Fraktionschef Wolfgang Kubicki sagte, der Umbau dürfe nicht auf den Bundesvorsitzenden beschränkt bleiben. Erneut kritisierte er Bundestagsfraktionschefin Birgit Homburger.

Zastrow bezieht auch das Parlament in seine Forderung ein. Auch die FDP-Bundestagsfraktion trage Schuld daran, dass die Wähler die Partei abgestraft hätten, "und auch das Bundespräsidium besteht aus mehreren Persönlichkeiten". Damit bezieht er neben der obersten Parteispitze auch Fraktionschefin Homburger in die Reihe der Personen ein, die ihre Posten räumen könnten.

Zastrow hatte sich zugleich für Rösler als Westerwelles Nachfolger ausgesprochen. Dieser habe bereits langjährig Führungsverantwortung gezeigt und mache "eine auffällige Politik". Ein neuer Parteivorsitzender solle allerdings nicht "in irgendwelchen Hinterzimmern" bestimmt werden, sondern Mitte Mai auf dem Bundesparteitag in Rostock, sagte Zastrow. Vergangene Woche war auch Bayerns Landesvorsitzende Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ins Gespräch gekommen – vorgeschlagen von ihrer eigenen Stellvertreterin. Auch Schleswig-Holsteins FDP-Fraktionschef Kubicki wollte Rösler. Der habe als Minister "die größere politische Erfahrung" als Generalsekretär Christian Lindner, der mit 32 Jahren auch sechs Jahre jünger ist als Rösler. Auch Fraktionsgeschäftsführer Christian Ahrendt sagte, Rösler habe deutlich gemacht, "dass es nicht nur um eine personelle Neuaufstellung geht, sondern vor allem um die Inhalte".

FDP-Vorstandsmitglied Martin Zeil warnte die Partei davor, sich inhaltlich völlig neu zu positionieren. "Wir dürfen jetzt auch nicht alles über Bord werfen, wofür wir gewählt wurden", sagte der bayerische Wirtschaftsminister.

Zugleich stellen Liberale und Opposition infrage, ob Westerwelle Außenminister bleiben sollte. Nicht nur Grüne und SPD sehen das kritisch, auch etwa der Berliner FDP-Bundestagsabgeordnete Martin Lindner. Er verstehe natürlich, dass Westerwelle Außenminister bleiben wolle, sagte er. Aber es sei das Wichtigste, "dass die Persönlichkeiten für höchste Ministerämter geeignet sind, Deutschland voran zu bringen". Was Westerwelles Zukunft als Außenminister angehe, sei "das letzte Wort nicht gesprochen". FDP-Präsidiumsmitglied Silvana Koch-Mehrin bezeichnete indes Forderungen nach Westerwelles Rückzug aus dem Auswärtigen Amt als "nicht fair". "Er ist ein exzellenter Außenminister, er macht für Deutschland einen wirklich guten Job in der Welt", sagte die Europa-Abgeordnete.

Auch an anderer Stelle ist die Ministeriumsbesetzung Thema. Sollte Gesundheitsressortchef Rösler Westerwelle an die Parteispitze nachfolgen, gilt unter Beobachtern als ausgemacht, dass der 38-Jährige sein Ministerium zugunsten eines prestigeträchtigeren und wichtigeren Ressorts abgeben müsste. Damit könnte er als Parteichef im Bundeskabinett auch größeres politisches Gewicht einbringen. Präsidiumsmitglied Koch-Mehrin hält das Gesundheitsministerium für problematisch für die FDP. Es sei dem kleineren Koalitionspartner "fast unmöglich", in einem derart reformbedürftigen Bereich die eigenen politischen Vorstellungen gegen einen viel stärkeren Partner durchzusetzen.

Beobachter halten einen Wechsel Röslers in das Wirtschaftsressort für denkbar, das die FDP derzeit mit Rainer Brüderle besetzt. Der gilt aber nach dem Scheitern der FDP bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz als Abgangskandidat. Rösler wäre auch kompetent, er leitete bereits in Niedersachsen das Wirtschaftsressort. "Man braucht Parteivorsitzende, die in ihren Bereichen auch Erfolge erzielen können", sagte Koch-Mehrin.

Der Nordrhein-Westfale Bahr ist als Gesundheitsminister im Gespräch, sollte Amtsinhaber Rösler Parteichef werden und in ein anderes Ressort wechseln. Im Ministerium kennt er sich aus, er ist Staatssekretär bei Rösler.

Der ließ am Sonntagabend zu diesen Fragen nur mitteilen: "Die FDP hat Guido Westerwelle viel zu verdanken. Deshalb ist es gut, dass er auch künftig als Außenminister die Politik in Deutschland prägen wird."