Deutschland hält sich in der Frage, wer der nächste Präsident der Europäischen Zentralbank sein soll, trotz wachsenden internationalen Drucks bedeckt. Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde erhöhte nun den Druck und sagte, es wäre für die europäischen Partner wünschenswert, wenn sich Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht erst kurz vor der Entscheidung über die Nachfolge von Jean-Claude Trichet im Juni in der Spitzenpersonalie festlege: "Ich hoffe, wir wissen etwas früher Bescheid."

Frankreich, Italien und Luxemburg unterstützen den italienischen Notenbankpräsidenten Mario Draghi. Auch Spanien signalisierte Zustimmung für den Italiener. Deutschland hat nach dem Rückzug von Ex-Bundesbank-Chef Axel Weber keinen eigenen Kandidaten für den Chefposten der Europäischen Zentralbank (EZB). Klar ist aber, dass Draghi nicht ohne die Unterstützung Deutschlands, der stärksten Volkswirtschaft der Währungsunion, zum obersten Hüter des Euro gekürt werden kann.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble bleibt bei der Frage weiter in Deckung. Sein Sprecher Martin Kotthaus bestätigte die Äußerungen Lagardes nicht, wonach Schäuble Draghi als Nachfolger Trichets favorisiert. Er sagte: "Die Bundesregierung wird sich rechtzeitig einbringen." Bisher gebe es keine Festlegung. Soweit ihm bekannt sei, gebe es "zurzeit noch mehrere Kandidaten", sagte Kotthaus.

Trichets Mandat bei der EZB läuft Ende Oktober aus. Gemäß den europäischen Regeln wird der Präsident der EZB von den Staats- und Regierungschefs auf Empfehlung der Finanzminister bestimmt. Draghi gilt nach dem Rückzug Webers als -Favorit im Rennen um die EZB-Spitze. Der frühere Spitzenbeamte, Investmentbanker und Professor steht seit 2006 an der Spitze der Banca d'Italia. Er wurde von den G20-Staaten mit der Reform des internationalen Finanzwesens nach der jüngsten Krise beauftragt. Vor allem in Deutschland halten sich Vorbehalte wegen seiner Nationalität. Italiens frühere Währung, die weiche Lira, ist vielen Deutschen noch in unguter Erinnerung.

Warum sich Deutschland in der Nachfolgfrage so zurückhält, darüber wird viel spekuliert. Immer gibt es Vermutungen, die Bundesregierung könnte sich mit der Zustimmung zu Draghi Zugeständnisse der europäischen Partner bei der Haushaltsdisziplin und beim künftigen europäischen Krisenmechanismus ESM erkaufen wollen.

Unterdessen berichtete der Spiegel, Merkel wolle Draghi nicht als neuen EZB-Chef haben. Die Kanzlerin erwäge stattdessen, Draghi als Nachfolger des Franzosen Dominique Strauss-Kahn auf dem Posten des geschäftsführenden Direktors beim Internationalen Währungsfonds (IWF) ins Gespräch zu bringen. Merkel schätze Draghi zwar fachlich, fürchte aber, dass ein Vertreter aus dem Schuldenland Italien als oberster Wächter über den Euro den Deutschen kaum zu vermitteln sei.