Lange dauerte es, bis sich auf den Oppositionsplätzen des baden-württembergischen Landtags der Widerspruch laut regte. 40 Minuten lang hatten die CDU-Abgeordneten höflich zugehört. Unruhig wurden sie erst, als Winfried Kretschmann die Finanzpolitik zu thematisieren begann und dies mit dem Satz einleitete: "Nach 58 Jahren CDU-Regierung steht das Land vor einem gewaltigen Schuldenberg."

Der abgewählte CDU-Regierungschef Stefan Mappus verzog das Gesicht , der CDU-Fraktionschef Peter Hauk fiel durch laute Zwischenrufe auf. Kretschmann zeigte sich für einen Moment als der besonnene Zuhörer, der er vorgibt, auch in Zukunft sein zu wollen. Als wieder Ruhe im Hohen Haus herrschte, fuhr er unbeirrt fort.

Rund 40 Milliarden Euro betrügen die aktuellen Verbindlichkeiten des Landes, doch dahinter stünden "verdeckte und verschobene Lasten" in weiterer Milliardenhöhe. Kretschmann summierte dazu die wachsenden Pensionsverpflichtungen des Landes, Sanierungsrückstände an Energie fressenden Landesgebäuden und löchrigen Straßen. Den unter Mappus aufgenommenen und auf eine neu gegründete Landesgesellschaft ausgelagerten Kredit für den Kauf der Anteile am Atomkonzern EnBW nannte Kretschmann nicht. Dabei gilt Kritikern gerade dieser Kredit über 4,7 Milliarden Euro, der durch Dividenden der EnBW abgezahlt werden soll, als Paradebeispiel eines Schattenhaushalts.

Auch nach mehreren Wochen Arbeit weiß die grün-rote Koalition angeblich noch nicht genau, wie tief das Land wirklich in der Kreide steht und wie hoch diverse Finanzierungsrisiken sind. Noch vor der Sommerpause werde er dem Landesparlament das Ergebnis eines "Kassensturzes" präsentieren, versprach Kretschmann.

Klar sei aber jetzt schon, dass die Mehreinnahmen von gut einer Milliarde Euro, über die der Südweststaat nach der neuesten Steuerschätzung in diesem Jahr wohl verfügt, zu keinerlei Begehrlichkeiten Anlass gäben. Alle Steuermehreinnahmen würden zur Konsolidierung des Landeshaushalts verwendet, in dem bis 2015 noch eine jährliche Deckungslücke von drei Milliarden Euro klaffe, so Kretschmann.

Der grüne Ministerpräsident präsentierte sich bei seiner ersten Regierungsrede damit in der Rolle des Wirtschaftsfachmanns, von der seine Kritiker von Anfang an behaupteten, sie sei ihm zu groß. Schon zu Beginn seines Auftritts vor dem Landesparlament hatte Kretschmann sich der Wirtschaftspolitik angenommen – und beruhigt: "Baden-Württemberg steht keine politische Revolution bevor, sondern eine ökologisch-soziale Erneuerung."

Bei Daimler, Bosch, Porsche und anderen Unternehmen war Kretschmann in den vergangenen Wochen längst zu Gesprächen gewesen, nun lobte er deren "unternehmerische und technische Basisinnovationen". Die industriellen Herausforderungen der Zukunft stünden nicht im Widerspruch zu den Zielen der Stuttgarter Regierungskoalition. Kretschmann nahm die Entwicklungsgeschichte des Autos zum Beispiel: "Die Droschke wird, hundert Jahre nach den Pferden, bald auch auf das Benzin verzichten." Die Landesregierung werde eine Förderpolitik betreiben, die der Grundlagenforschung diene, zum Beispiel der Entwicklung von Elektromobilitätskonzepten. Selbstverständlich, fügte Kretschmann hinzu, werde "der Verbrennungsmotor bis weit in die kommenden Jahre hinein eine tragende Rolle spielen". In die Dynamik der freien Märkte werde seine Regierung nicht einzugreifen versuchen.