Die FDP hat bei diesem Parteitag in Rostock einen Heilsbringer aufgetan, so scheint es. Der neue Parteivorsitzende Philipp Rösler wirkt deutlich sympathischer als sein Vorgänger . Das hat die Mitglieder der angeschlagenen Partei sichtlich beflügelt. Sie haben das Delegiertentreffen nur wegen ihm und dieser kleinen Hoffnung auf den Neubeginn ohne größeren offenen Streit über die Bühne gebracht.

Dabei hätte es für Streit bekanntlich viele Gründe gegeben: Die zahlreichen verlorenen Wahlen etwa, oder die Tatsache, dass viele Bürger nur noch Spott und Hohn für die Liberalen übrig haben. Zwei Drittel der Wähler von 2009 haben der FDP laut Umfragen inzwischen den Rücken gekehrt. Keiner weiß, wie es mit der Partei weitergeht. Und das betrifft auch ihre Rolle als kleiner Koalitionspartner der Übermutter CDU/CSU.

Doch das scheint egal: Die Delegierten wollten auf dem Parteitag einfach nur nach vorne blicken. Auch eine kontroverse, öffentliche Abrechnung mit Guido Westerwelle und seinen Leistungen nicht nur in den letzten Monaten seines Parteivorsitzes, sondern auch im Amt des Außenministers blieb daher aus. Manche unkten, das habe an der geschickten Moderation durch das Parteitagspräsidium gelegen, die wahre Kritiker nicht zu Wort kommen ließ. Auch die bisher so kritischen Jungen Liberalen wollen, dass Ruhe in die Partei kommt. Sie hatten den Verbleib von Ex-Fraktionschefin Birgit Homburger und Ex-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle im FDP-Führungsteam kritisiert. Doch jetzt gelte es nach vorne zu schauen, sagte ihr Vorsitzender Lasse Becker im ZEIT ONLINE -Interview .

Personaldiskussionen seien jetzt beendet, bekräftigte auch der neue Parteichef Rösler in seiner Abschiedsrede. Der 38-Jährige weiß, dass er den zerstrittenen und verzweifelten Haufen FDP motivieren muss. Gemeinsam werde man es schaffen, wieder aus dem Tief zu kommen, der Aufbruch werde kommen, man werde jetzt liefern – so lauteten einige der Motivationsformeln, die in allen Reden des neuen Führungsteams über das Wochenende verstreut immer wieder fielen.

Das junge Team um Rösler präsentierte sich zudem auffällig frisch und selbstironisch, auch wenn es um das eigene Umfragetief ging. "Willkommen bei der FDP, willkommen im Keller", begrüßte Generalsekretär Christian Lindner augenzwinkernd die Gäste beim Parteiabend im Rostocker Ratskeller vor Beginn des Delegiertentreffens. Und Röslers Antrittsrede am Samstag war gespickt von wohl durchdachten Anekdoten, mit denen er sich selbst aufs Korn nahm. Schnell war klar: Die neue Rösler-Lindner-Bahr-Truppe will sich von Westerwelle abgrenzen, sich alltagsnah und selbstkritisch präsentieren. Folgerichtig die Ankündigung, sich inhaltlich breiter aufstellen zu wollen. Westerwelle forderte zuletzt nur noch Steuersenkungen und verwechselte das Leben mit Hartz-IV mit spätrömischer Dekadenz – so jedenfalls nahmen es viele Bürger wahr.

Doch niemand weiß, ob dieses neue, andere Konzept einer "mitfühlenden FDP" erfolgreich sein wird. Für die Parteimitglieder ist Phillip Rösler wie ein Messias. Viele vergessen aber, dass der 38-Jährige beim Volk bisher ziemlich unbeliebt ist. Das liegt vor allem daran, dass er als Bundesgesundheitsminister höhere Krankenkassenbeiträge für Arbeitnehmer und gleichzeitig weniger höhere für Arbeitgeber beschloss. Das haben die Wähler Rösler nicht vergessen. Er wird an seinem Image arbeiten müssen.

Hinzu kommt, dass er in seiner Grundsatzrede inhaltlich viel und irgendwie auch gar nichts versprochen hat. Sich breiter aufstellen, näher an der Lebenswirklichkeit der Menschen orientieren – das sind schön klingende Worte. Doch die FDP muss sie nun in Taten umsetzen. Das wird schwierig werden in Zeiten leerer Kassen und in der Euro-Krise, in der die erklärte Europartei sich mit Abweichlern in den eigenen Reihen herumschlagen muss .