Frage: Einige Ihrer Parteikollegen beklagen, dass es sich nur für die Grünen auszahlt, wenn die Union die Energiewende voranbringt. Ist da nicht etwas dran?

von der Leyen: Wir können nicht ständig darauf gucken, bei wem etwas einzahlt. Als Arbeitsministerin sage ich außerdem, dass in der Energiewende auch eine Riesenchance für die Wirtschaft liegt. Wir können Weltmarktführer in einem Gebiet werden, in dem andere noch schlafen. Im Moment entsteht ein massiver Veränderungsdruck auf die Industrie, der zu Innovationssprüngen anspornt. Der Ausbau der erneuerbaren Energien eröffnet dem Mittelstand Räume, wo bisher wenige Großkonzerne das Feld beherrschen. Da können viele neue Arbeitsplätze entstehen.

Frage: Wie bitter ist es für die Volkspartei CDU, dass sie in Bremen von den Grünen auf den dritten Platz verwiesen wurde?

von der Leyen: Das ist bitter. Aber das Ergebnis in Bremen sollte uns nicht aufhalten.

Frage: Was lernen Sie aus den enttäuschenden Wahlergebnissen der letzten Zeit?

von der Leyen: Wer nicht bereit ist zu Veränderungen, der kassiert noch schlechtere Wahlergebnisse.

Frage: Muss die Union im Moment solche Kehrtwenden vollziehen, weil sie jahrelang versäumt hat, sich zu modernisieren?

von der Leyen: Jetzt schauen Sie doch mal, was die Union schon alles an Modernisierung geschafft hat. Es war die Regierung Merkel, die unser Land mit international beispiellosem Erfolg durch die Krise geführt hat. In der Familienpolitik schreiben uns die Menschen eine Kompetenz zu, die so schnell keiner einholen kann. Lesen Sie bitte das klasse Wahlprogramm der Berliner CDU. Die sind allen anderen Parteien voraus.

Frage: Mit der Einführung des Elterngelds und dem Ausbau der Kinderbetreuung hat die Union sich vom konservativen Familienbild verabschiedet, nach dem die Mutter zu Hause bei den Kindern bleibt, während der Vater für den Lebensunterhalt sorgt. Verunsichert das nicht immer noch einen Teil Ihrer Anhänger?

von der Leyen: Die Union ist in der Familienpolitik doch nur den Weg mitgegangen, den Menschen heute beschreiten. Sie wollen beides: sich um Kinder kümmern und Karriere machen. Ich finde es urkonservativ, wenn jemand bereit ist, Verantwortung für sich selbst und für andere zu übernehmen.

Frage: Für manch einen Konservativen ist es auch eine Zumutung, dass Sie eine Frauenquote für Vorstandsposten in der Wirtschaft fordern. Warum geht es aus Ihrer Sicht nicht ohne gesetzliche Regelung?

von der Leyen: Die Wirtschaft braucht die Frauen und die Frauen brauchen Vorbilder in Vorständen und Aufsichtsräten. Am besten wäre, die Wirtschaft regelt das alleine, aber wir versuchen es seit zehn Jahren über freiwillige Vereinbarungen. Der Erfolg: Deutschland liegt bei den Vorständen der Großkonzerne immer noch bei peinlichen drei Prozent Frauenanteil und damit noch hinter Brasilien und Russland. Der Mittelstand hat die Zeit genutzt und marschiert Richtung 30 Prozent. Das zeigt, wir müssen den Konzernen helfen, aufzuholen.

Frage: Ihre Kabinettskollegin Kristina Schröder nimmt Ihnen übel, dass Sie sich immer wieder in ihr Ressort einmischen. Kümmert die Ministerin sich zu wenig um die Interessen der Frauen?

von der Leyen: Die Federführung bei dem Thema liegt klar bei der Frauenministerin. Wir sind uns im Ziel einig, dass wir dringend mehr Frauen in Führungspositionen in Großkonzernen brauchen. Als Arbeitsministerin will ich mit Blick auf den Fachkräftemangel nicht nur über Chancen von Frauen reden, sondern sie verwirklichen. Die Frauenministerin hat angekündigt, ein Gesetz auf den Weg zu bringen. Sie hat meine volle Unterstützung. Wir müssen klarmachen, welches Ziel bis wann erreicht werden soll. Ich finde außerdem wichtig, dass im Gesetz klargestellt wird, was passiert, wenn nichts passiert.

Frage: Werden Unternehmen absehbar nicht mehr genügend Fachkräfte finden, wenn sie nicht mehr Frauen einstellen?

von der Leyen: In den nächsten 15 Jahren werden aus demographischen Gründen 6,5 Millionen Erwerbstätige fehlen. Das größte Potenzial schlummert bei den Frauen, von denen viele gerne arbeiten oder mehr arbeiten würden. Es reicht aber nicht, nur auf heimische Arbeitskräfte zu setzen. Wir brauchen auch mehr qualifizierte Zuwanderung. Bei den Ingenieuren ist der Markt leer gefegt, eng wird es auch bei den Ärzten. Wenn wir jetzt nicht gegensteuern, wandern Aufträge und Arbeitsplätze in andere Länder, wo es mehr Fachkräfte gibt.

Frage: Die CSU wirft Ihnen vor, dass Sie Billigarbeiter nach Deutschland holen wollen.

von der Leyen: Die CSU ist viel schlauer, als Sie es darstellen. Wir holen keine Billigarbeiter. Die ganze Welt wirbt um Ingenieure und Ärzte, da würden wir mit Billiglöhnen nur ein müdes Lachen ernten. Im Gegenteil, wenn der Ingenieur hier arbeitet, dann bringt das Jobs für die technische Zeichnerin dahinter, den Pförtner und die Gebäudereinigerin.

Erschienen im Tagesspiegel .