SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles hat kürzlich einen Testballon aufsteigen lassen. Wie wäre es, fragte sie, wenn über wichtige Personalfragen wie den Kanzlerkandidaten in Urwahlen abgestimmt würde? Und nicht nur die Parteibasis, sondern auch Nichtmitglieder ihr Votum abgeben können?

Die Idee war fast schneller tot, als die Nachricht durch die Agenturen brauchte. Umgehend meldeten die Parteiflügel ihren Widerstand an. Andersherum müsse es laufen, meinten etwa die Jusos: Erst komme ein vernünftiges Programm, dann der Kandidat, bei dem sicher sei, dass er das Beschlossene umsetzt.

Man sollte diese Kritik nicht leichtfertig abtun. Hinter ihr steckt nicht nur die Sorge vor unabhängigen Bürgern, die jahrelange Parteikarrieren zerstören. Demokratie braucht Parteien, die den Bürgern wählbare Alternativen vorlegen können. Wer Entscheidungen für solche öffnet, die nur ad hoc interessiert sind – etwa weil ihnen ein Kanzlerkandidat gefällt – schwächt damit automatisch ihr wichtiges intellektuelles Kapital, die Mitglieder. Das kann auch schiefgehen. Parteien verwässern, wenn sie ihre Richtungsentscheidungen nur danach fällen, was am besten ankommt.

Doch verwässern sie ja auch, ohne Parteifremde zu beteiligen: Neuerdings ringen vier der fünf im Bundestag vertretenen Parteien mit ihrer eigenen Programmatik. Die CDU fragt sich, was noch konservativ ist, die SPD weiß nicht, wie sie Gerechtigkeit buchstabieren soll. Die Linken suchen eine Mitte zwischen Utopie und Regierungsfähigkeit . Und die FDP wäre gern liberal – wenn sie wüsste, was das ist.

Solche Fragen könnten und müssten die Mitglieder beantworten. Doch keine Parteispitze hat bisher erkennen lassen, dass sie ihre inhaltliche Ratlosigkeit mit Hilfe ihrer Basis (Welch ein Wort!) lösen will. Eine Regionalkonferenz hier, eine Urwahl da; ansonsten läuft es wie immer. Das Ergebnis: Die Parteien verlieren Mitglieder, zu Tausenden. Karrieristen sind zunehmend unter sich. So versagt das Konzept repräsentativer parteiinterner Demokratie.

Die Wähler sollten den Mitgliedern beispringen können, wenn auch nur in Personalfragen. Schließlich sind sie es, die immer häufiger das Angebot aller ablehnen. Ihr Votum könnte orientierungslosen Parteien Hinweise geben, für die sie im internen Zwist – zwischen unverzichtbaren Traditionen und dem Zwang zu neuen Antworten – blind sind. Wenn dabei umgekehrt herauskommt, dass der Traditionsbestand einer Partei so nicht mehr gebraucht wird – es wäre immerhin ein Schritt zu einer Parteienaufstellung, die sich von alten Ideologien entfernt.

Zumindest aber würde das Schauspiel einer offenen Kandidatenwahl die Öffentlichkeit vom überflüssigen Ritual der monatelangen, halböffentlichen K-Debatten befreien. Wann hat man aus diesen lähmenden Diskussionen je etwas Wichtiges erfahren – außer, über welche Machtpraxis der Auserwählte verfügt? Es wäre das Beste, würde die Zeit für inhaltliche Diskussionen genutzt. Was reizt mehr dazu, als eine Partei, die Alternativen bietet?