ZEIT ONLINE: Herr Özdemir, die Grünen sehen den nun erzielten Atomkompromiss skeptisch. An welchen Punkten trauen Sie Schwarz-Gelb nicht?

Cem Özdemir: Ich würde nicht von einem Kompromiss sprechen. Das ist, laut der Bundeskanzlerin, ein Koalitionsprojekt, wir wurden am Sonntagabend nur über die zwischenzeitlichen Pläne der Koalition unterrichtet. Aber so einfach geben wir das grüne Prüfsiegel für den Atomausstieg nicht. Wir wollen wirklich beteiligt werden. Ich finde es bedauerlich, dass Frau Merkel der letzte fußkranke Atomlobbyist in der Koalition wichtiger zu sein scheint als die Chance auf einen parteiübergreifenden Konsens.

ZEIT ONLINE: Warum sollten die Grünen überhaupt beteiligt werden? Offenbar glaubt Schwarz-Gelb, dass es für ihre neuen Atomgesetze die Zustimmung des Bundesrates nicht braucht.

Özdemir: Union und FDP wollen alle Gesetzespakete möglichst zustimmungsfrei an der Länderkammer vorbeischleusen. Auch das spricht nicht dafür, dass die Bundesregierung an einem parteiübergreifenden Konsens Interesse hat. So ein Konsens über einen unumkehrbaren Atomausstieg wäre aber wichtig, um klare und verlässliche Rahmenbedingungen für den Kraftakt der Energiewende zu schaffen – dann werden Unternehmer und Investoren auch bereit sein, dabei kräftig mitzumischen und sich auch langfristig zu engagieren.

ZEIT ONLINE: Zurück zu den schwarz-gelben Koalitionsergebnissen: An welchem Punkt stoßen Sie sich denn am meisten?

Özdemir: Für die Grünen ist es absolut inakzeptabel, dass ein oder mehrere alte Schrottmeiler im "Stand-by-Modus" verfügbar bleiben sollen. Irgendjemand müsste mal der Bundesregierung erklären, dass man Atomkraftwerke nicht einfach an- und abschalten kann, wie Lichtschalter. Das ist Blödsinn pur, höchst gefährlich und nur koalitionstaktisches Zuckerbrot für die FDP.

ZEIT ONLINE:Die Grünen werden einem Atomkompromiss nicht zustimmen, in dem es Stand-by-Kraftwerke gibt?

Özdemir: Für uns ist völlig klar: Die sieben abgeschalteten Schrottreaktoren und auch das Pannen-AKW Krümmel dürfen nicht mehr ans Netz. Aber das ist nicht der einzige Knackpunkt. Wir fordern außerdem eine ergebnisoffene Endlagersuche in ganz Deutschland. Die Koalition ist schon wieder dabei, sich vorzeitig auf Gorleben festzulegen.

ZEIT ONLINE: Angeblich soll jetzt aber wieder ein Kriterienkatalog zur "ergebnisoffenen Endlagersuche" erarbeitet werden. Und Horst Seehofer kündigt an , auch in Bayern dürfe gesucht werden. Das hat er bisher nicht über die Lippen gebracht.

Özdemir: Bei Seehofer müssen wir mal warten, ob er seinen Worten Taten folgen lässt. Die Halbwertszeit seiner Positionen war in der Vergangenheit immer kurz. Ich weiß außerdem nicht, was man bei Gorleben noch "ergebnisoffen" prüfen soll. Wir brauchen jetzt eine ergebnisoffene Standortsuche in ganz Deutschland.

ZEIT ONLINE : Der rot-grüne Atomkonsens strebte einen Atomausstieg um das Jahr 2022 an. Zuletzt sagte Ihre Partei aber, man könne früher aussteigen. Welche Jahreszahl gilt nun als Verhandlungsgrundlage mit Schwarz-Gelb?

Özdemir: Der Atomausstieg ist bis 2017 machbar, wenn der politische Wille dafür da ist. Dafür muss die Regierung aber erst einmal ehrliche Verhandlungsbereitschaft erkennen lassen.

ZEIT ONLINE : Bis wann wollen Sie sich endgültig festlegen, ob Sie beim von Angela Merkel vorgegebenen Ausstieg mitmachen? Gibt es Signale für Verhandlungen der Opposition mit der Regierung?

Özdemir: Bislang gibt es noch keine klaren Signale, dass die Regierung mit uns verhandeln will. Wir haben das Gespräch mit der Bundesregierung gesucht. Jetzt werden wir uns die Gesetzentwürfe in der nächsten Woche ganz genau anschauen und auf dieser Basis entscheiden, ob eine Zustimmung möglich wäre. In diesem Fall würde dann ein außerordentlicher Parteitag darüber beraten und entscheiden.