Sie wollen ihn gar nicht gehen lassen. Frenetisch klatschen die rund 600 Delegierten des FDP-Parteitages ihren Vorsitzenden Philipp Rösler noch mal zurück auf die Bühne. Der strahlt, winkt in den Raum. Dann macht er schnell einen Schritt zurück, um sich in sein Führungsteam hinter ihm einzuordnen – zu Rainer Brüderle, Christian Lindner und auch zu seinem Vorgänger Guido Westerwelle. Das ist eine Geste, die ankommt, wie so vieles bei der umjubelten ersten Grundsatzrede des 38-jährigen neuen Kopfes der Freien Liberalen Partei.

Philipp Rösler hat sich in Rostock als Anti-Westerwelle präsentiert. Als Teamplayer und nicht – wie Westerwelle es gerne tat – als einsamer Steuermann des Schiffes FDP, auf dem nur einer "die Sache regelt". Rösler ist außerdem selbstironisch aufgetreten, nicht selbstgerecht. Einfühlsam, nicht krawallhaft. Manchmal wurde seine Stimme sehr leise, niemals war sie laut und schrill. Er hat betont, dass er ein Familienmensch ist, der auch für Alleinerziehende, Alte und Pflegende eintreten will.

Seine Zuhörer sind begeistert: "Westerwelle war ein brillianter Rhetoriker, aber wir brauchen jetzt einen persönlichen Touch, um aus der Krise zu kommen", sagt eine Delegierte aus Erfurt im Anschluss. Philipp Rösler sei einer, der über sich selbst lachen kann, pflichtet ihr ein Parteikollege aus Röslers Heimatverband Niedersachsen bei: "Das tut uns gut". "Mir hat gefallen, dass er eine breitere Definition des Liberalismus betont hat. Er ist sehr selbstbewusst, nicht überheblich", lobt ihn mit Hans-Artur Bauckhage, dem ehemaligen rheinland-pfälzischen Wirtschaftsminister, auch ein liberales Urgestein aus dem Heimatverband von Röslers bisherigem Widersacher Rainer Brüderle.

Sehr durchdacht und intelligent sei die Rede gewesen, heißt es, wohin man auch hört. "Rösler hat eine andere, eine breitere Gewichtung liberaler Politik vorgenommen, aber keinen komplett neuen Kurs ausgerufen", fasst es der saarländische FDP-Vorsitzende Oliver Luksic zusammen.

Tatsächlich hatte der neue FDP-Chef in seiner mehr als einstündigen Ansprache jeglichen Zweifel beseitigt: Die Liberalen müssten sich gar nicht neu aufstellen, beruhigte er die Delegierten. Es gebe einen "klaren liberalen Kompass", das sei das Eintreten für die Freiheit. Dafür, dass "jeder seinen Lebenstraum erfüllen kann" – egal, wie dieser aussehe.

Doch anstatt wie Westerwelle darauf zu pochen, dass jeder Arbeitslose, der gesund ist, doch bitte eine zumutbare Arbeit annehmen müsse, sprach Rösler von besseren Betreuungsmöglichkeiten für Kinder von arbeitssuchenden Alleinerziehenden. Und von mehr Wertschätzung für Pflegende und die Familienunterstützung im Allgemeinen. Das nutzte er, um seiner Schwiegermutter dafür zu danken, dass sie ihre eigene Mutter ("Oma Clärchen") pflegt und gleichzeitig so oft auf ihre Enkelkinder, Röslers Zwillinge, aufpasst. Der neue Parteivorsitzende, das wird schnell klar, will alle Wähler umarmen – nicht nur die Selbstständigen. Er sagte: "Wir sind die Partei der Mitte in Deutschland." Das klang schon fast nach Volkspartei.

Rösler kokettierte in seiner Rede immer wieder mit seinem sanften Image. Doch für Zweifler an seinem Führungsstil hatte er die – etwas martialische – Management-Legende vom gekochten Frosch mit im Gepäck. Der Frosch springe zwar aus kochend heißem Wasser sofort wieder heraus, doch wenn man das Wasser ganz langsam und behutsam erwärme, dann könne man das Tier überlisten und irgendwann sehr wohl erledigen. Rösler lachte leise dabei und schob ironisch hinterher: "So viel zum netten Herr Rösler".