Frage : Woher bekamen Sie Ihre Informationen?



Ruge : Es gab Empfänge im Kreml, da konnte man mit den Leuten reden. Chruschtschow langweilte sich oft mit den Diplomaten und suchte den Kontakt zur Presse. Oft war er blau. Er schnappte sich den erstbesten englischen Korrespondenten und rief: "Aha, dem englischen Löwen haben wir den Schwanz abgekniffen!" Das war nach der Suez-Krise. Das schrieb man auf, und die Zensur strich es wieder raus. Aber es überhaupt aufgeschrieben zu haben, war wichtig für einen selbst.

Frage : Bloß kam nichts davon in Deutschland an!



Ruge : Doch. Man gab drei Seiten Manuskript bei der Zensur ab, davon strichen sie zwei Seiten raus. Was übrig blieb, vermittelte in seiner Verdichtung eine Vorstellung von den Ereignissen.

Frage : Heute haben die Korrespondenten mehr Freiheiten.



Ruge : Und mehr technische Möglichkeiten. Das hat auch Nachteile. Wenn heute etwas passiert, soll der Korrespondent berichten, ohne vorher recherchieren zu können. Wir waren damals sturer.

Frage : Inwiefern?



Ruge : Wir konnten länger nachdenken und auch sagen, dass wir nichts wissen. Die Redaktion fragte: "Wie ist es in Leningrad, ist die Armee schon einmarschiert?" – "Kann sein, kann aber auch nicht sein."

Frage : Sie machen schon lange keine Nachrichten mehr, sondern Fernsehfilme über fremde Länder.



Ruge : Ich erzähle, wie aktuelle Entwicklungen in einem Land die Menschen berühren. Als ich vor fast 20 Jahren pensioniert wurde, hieß es: Mach doch mal was Längeres! Wir reisten also durch China, bis über die Grenze nach Russland, und am Ende wurde eine dreiteilige Filmreihe daraus.

Frage : Ihre Frau sagt, als Rentner seien Sie ein Versager.



Ruge : Ja, das stimmt wohl leider. Jetzt schreibe ich auch schon wieder. Doch seit ich nicht mehr rauche, komme ich dabei schwer in Fahrt. Ich habe versucht, die Zigaretten durch Mineralwasser zu ersetzen, aber das war auch nichts.

Frage : In Ihren Filmen wirkt es leicht, wie Sie durch die Welt reisen und mit den Menschen ins Gespräch kommen. Haben Sie einen Trick?



Ruge : Ich bin selbst überrascht, dass das so gut funktioniert. Die Leute müssen das Gefühl haben, man interessiere sich für sie und verstehe ein bisschen was von ihrem Leben.

Frage : Frage: Die erste Gerd-Ruge-Frage ist meistens: "Und, wie ist das Leben so?"



Ruge : Genau. Man kann ja nicht gleich fragen: "Ist Ihr Gehalt im letzten Jahr gekürzt worden?"

Frage : So lautet doch immer Ihre zweite Frage!



Ruge : Ja, aber erst mal muss man ein bisschen Vertrauen aufbauen.

Frage : Kostet es Sie Überwindung, Fremde anzusprechen?

Ruge: Nein, eigentlich nicht.

Frage : Auch nicht, wenn sie Waffen tragen?



Ruge : Dann muss man vorsichtig sein.

Frage : Ein Zitat aus Ihrem Afghanistan-Film: "Da kommen bewaffnete Männer, aber was für welche? Da muss man sie höflich fragen."



Ruge : Manchmal weiß man nicht, in welche Richtung es geht, wenn plötzlich Bewaffnete vor einem stehen. Aber manchmal sind die auch ganz nett.

Frage : Manchmal auch nicht: In Ihrem Afghanistan-Film werden Sie mit Steinen beworfen.



Ruge : Das war auf einem kleinen Markt in der Wüste. Ich sah nur, dass da viele Leute zusammenstanden, also fuhren wir hin. Zuerst wurden wir auch nett empfangen, von einem älteren Mullah. Dann scharten sich immer mehr Menschen um uns und wurden unfreundlich. "Das sind Ausländer", riefen sie, "das sind keine Moslems!" Dann haben sie uns die Autoscheiben mit Steinen zerdeppert. Aber das waren nur Randalierer.