Vor Franziska Jost auf dem Couchtisch liegen dreieinhalb Jahre ihres Lebens. Sie sitzt auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer und blättert in einem Aktenordner. Auf dem Tisch stapeln sich Akten und Hunderte Seiten bedrucktes Papier. Enttäuschte Hoffnungen türmen sich auf. Sie hat Anträge und Ablehnungen, Widersprüche und Eingaben, Gerichtsschreiben und Anwaltsbriefe akribisch gesammelt. Wenn sie auf die Blattsammlung schaut, fühlt sie Wut in sich aufsteigen – und Angst vor der Zukunft.

Seit Ende 2007 kämpft sie mit Bundeswehrbehörden, mit Kreiswehrersatzämtern, mit dem Berufsförderungsdienst. Sie streitet sich mit ständig wechselnden Beamten über ein Problem, das die Bundeswehr schlicht nicht vorgesehen hatte, als Jost vor zehn Jahren ihren Dienst bei der Marine antrat. Ein Bild dieses Problems hängt an der Wand. Es ist heute drei Jahre alt und ein aufgewecktes Kind.

Ein Foto von sich und ihrer Tochter Johanna hat Jost auch den zahlreichen Schreiben beigelegt, die sie aus Eckernförde verschickt hat und nach dem Umzug später aus dem sächsischen Waldenburg. Dutzende Briefe und E-Mails hat Jost geschrieben: An Abgeordnete, an den Wehrbeauftragten, an den Petitionsausschuss des Bundestages, an die Frauenbeauftragte Schleswig-Holsteins. Sie hat sich einen Anwalt genommen, um ihr Recht vor Gericht zu erzwingen. Sie hat das Sozialwerk der Bundeswehr um Hilfe gebeten. Doch bis heute habe das alles nichts gebracht, sagt Jost. Sie sei ein Einzelfall, traurig, tragisch, da könne man nichts machen, solche Antworten hat sie viele bekommen. Sie solle einfach aufhören.

Aufgeben? Jost schüttelt heftig den Kopf. Das kommt nicht in Frage. Sie schreibt weiter Briefe, zuletzt an einen Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Eine Antwort hat sie nicht erhalten. "So schnell werden die mich nicht los", sagt sie.

Sie, das sind die Bürokraten der Bundeswehrverwaltung. Sie machen Jost das Leben schwer. Seit 2001 stellen die deutschen Streitkräfte Frauen nicht mehr nur als Sanitäterinnen und Musikerinnen ein. Das Bundesverfassungsgericht hatte die Politik und die Militärführung dazu gezwungen. Jost bewarb sich daraufhin bei der Armee. Sie wollte damals etwas erleben.

Aus Sachsen kam sie mit 19 Jahren zur Marine nach Schleswig-Holstein. Jost hat es bei der Truppe gefallen. In der Grundausbildung war sie bei ihrer Einheit die erste Frau überhaupt. Mit den Kameraden verstand sie sich gut; dass sie meist die einzige Frau war, hat sie nie gestört. Jost war auf dem Bauernhof ihres Großvaters aufgewachsen, harte Arbeit, einen rauen Ton, das war sie gewohnt. Acht Jahre lang blieb sie Soldatin bei den Fernmeldern. Sie war Unteroffizierin, zuletzt Obermaat. Ein Jahr lang fuhr sie auf dem Segelschulschiff Gorch Fock zur See, dann folgten Dienststellen an Land: Bremerhaven, Eckernförde, Olpenitz, Kiel.

Zum Ende ihrer Dienstzeit lernte sie einen Kameraden kennen, verliebte sich und wurde schwanger. Die Soldatin teilte dem Kreiswehrersatzamt Schleswig am 16. November 2007 mit, dass sie im April kommenden Jahres ein Kind bekommen werde und nach der Entbindung Elternzeit nehmen wolle. Als alleinerziehende Mutter müsse sie sich um ihr Baby kümmern. Der Vater, der traumatisiert aus dem Kosovo-Krieg heimkehrte, kann sich um seine Tochter nicht kümmern.

Damit habe sie kein Problem, sagte darauf eine Beamtin. Allerdings falle die Elternzeit in den Beginn der Berufsförderung. Das sei ein Problem.