Was vor dem 11. März noch undenkbar erschien, wurde nach dem Super-GAU von Fukushima mit einem Mal möglich: die gleichzeitige und kurzfristige Abschaltung der sieben ältesten deutschen Kernkraftwerke. Insgesamt waren Ende Mai durch Revision und Betriebsstörungen nur noch vier Kernkraftwerke am Netz – und trotzdem ist die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands nicht gefährdet. Dabei hatte die Bundesregierung erst letztes Jahr die Laufzeitverlängerung als Teil eines Energiekonzeptes bis 2050 durch Bundestag und Bundesrat gebracht. Doch nach Fukushima kam die große Wende, der Atomausstieg.

Damit entsprach Bundeskanzlerin Merkel zwar dem Gros der Bundesbürger. Nur rächen sich jetzt die bisherigen forschungs- und energiepolitischen Entscheidungen ihrer Regierung: Nach dem Amtsantritt von Schwarz-Gelb hatte die neue Bundesregierung 2009 die Gewichtungen des Energieforschungshaushalts stark verändert. So wurden die Forschungsgelder für Atomenergie und Kernfusion – die bereits während der Großen Koalition erhöht wurden – weiter aufgestockt. Spendierte man 2008 für nukleare Energieforschung bereits 186 Millionen Euro, erhöhte die Bundesregierung den Etat bis zum Jahr 2010 weiter auf über 233 Millionen. Hinzu kommen die Mittel für die Beseitigung von kerntechnischen Anlagen in Höhe von 251 Millionen Euro sowie weitere institutionelle und projektbezogene Forschungsgelder in Millionenhöhe.

Auch die Aufwendungen für die Kernfusionsforschung wuchsen, von 119 Millionen Euro im Jahr 2008 auf 143 Millionen für 2010. Zusätzlich beteiligt sich Deutschland am ITER-Projekt, dem Bau eines Versuchs-Fusionsreaktors in Frankreich, dessen Kosten sich noch vor Baubeginn auf 15 Milliarden Euro verdreifacht haben.

Trotz steuerfinanzierter Forschungsmilliarden und jahrzehntelanger Entwicklungsarbeit hat die Kernfusion bis heute keine einzige Kilowattstunde Strom in das öffentliche Stromnetz eingespeist, substantielle Fortschritte in der Fusionsforschung wurden nicht erreicht. Die erneuerbaren Energien, die im gleichen Zeitraum weit weniger Forschungsgelder erhalten haben, decken hingegen inzwischen 17 Prozent des deutschen Strombedarfs. Und seit Jahrzehnten sagen uns die Kernfusionsforscher immer das Gleiche: die Kernfusion wird in frühestens 30 bis 40 Jahren zur Verfügung stehen. Doch damit Forschungsgelder für zukunftsfähige Energietechnologien frei werden, sollte Deutschland auch aus der Kernfusionsforschung aussteigen.

So, wie es durch die Energiewende Gewinner und Verlierer in der Energiewirtschaft geben wird – sinkende Aktienkurse, Konzerngewinne und weniger Arbeitsplätze bei den konventionellen Energieversorgern und das Gleiche unter umgekehrten Vorzeichen in der Erneuerbare-Energien-Industrie –, wird es auch in der Energieforschungslandschaft Veränderungen geben, inklusive negativer Auswirkungen auf bestehende Arbeitsplätze. In einem Land, das innerhalb von zehn Jahren aus der Kernenergie aussteigen will, hat Kernenergieforschung keine Zukunft. Sie sollte sich auf die Beseitigung kerntechnischer Anlagen sowie auf Sicherheits- und Endlagerforschung beschränken.

Wer wirklich eine Energiewende erreichen will, muss eine Kurskorrektur bei der Energieforschung vornehmen. Oder, wie es der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) in seinem aktuellen Gutachten formulierte: Wir brauchen eine "Große Transformation".

Dies umso mehr, da nach dem krisenbedingten Rückgang der Energienachfrage und der Treibhausgasemissionen im Jahr 2009 die Internationale Energieagentur schätzt, dass die energiebedingten Treibhausgasemissionen im Jahr 2010 ein Allzeithoch erreicht haben. In seinem aktuellen "Global Energy Review" berichtet der Ölkonzern BP, dass China die USA inzwischen als größten Energieverbraucher abgelöst hat. Allein 2010 führte das Wirtschaftswachstum Chinas zu einem elfprozentigen Anstieg des Energiebedarfs, Tendenz steigend.