Gleich nach seiner Ankunft haben sie Alexander Ullmann befohlen, in einen Keller hinabzusteigen. "Zehn Zentimeter vor!", brüllt jemand in einem kahlen Flur. Ullmann steht in einer Reihe von Männern, er blickt auf seine Füße. Schnell macht er einen Schritt nach vorn. Es ist auch ein Schritt in eine neue Welt voller Geschrei und ohne Widerspruch.

Seit ein paar Stunden ist Ullmann Soldat. Er ist ein schmaler junger Mann mit kantiger Brille und unbeeindrucktem Blick, nicht so leicht einzuschüchtern. An diesem 3. Januar 2011 tritt er in der Friedensteinkaserne im thüringischen Gotha seinen Wehrdienst an.

Ullmann ist etwas Besonderes, und er weiß es: Die Wehrpflicht ist zum Ende des vorigen Jahres ausgesetzt worden und damit praktisch abgeschafft. Kein junger Mann wird seitdem mehr gemustert oder eingezogen. Ullmann gehört also zu den letzten, die es gerade noch erwischt hat. Acht Millionen Männer hat sich die Truppe seit 1956 einverleibt, nun geht eine Ära zu Ende. Gerecht war diese Wehrpflicht am Ende nicht mehr: Nur gut die Hälfte aller Männer ab 18 Jahren wurde zuletzt noch für tauglich befunden, nicht mal jeder Fünfte bekam den Einberufungsbescheid.

Ullmann umklammert seine Sporttasche, mehr als ein bisschen Wäsche hat er nicht dabei. Er trägt Turnschuhe, trotzdem hat sein Gang nichts Federndes, als er sich auf die Suche nach seiner Stube macht. Seine Eltern haben ihn hergefahren, die Ullmanns leben in der Nähe von Chemnitz. Die Kaserne ist kein freundlicher Ort: senfgelbe Baracken auf Schachbrettstraßen, über die an diesem Tag eiskalte Winde heulen, als gäben sie ein Abschiedskonzert.

"Vielleicht lerne ich hier ja was fürs Leben", sagt Ullmann. Früher graute es den Wehrpflichtigen vor Schikanen und Langeweile, vor all dem, wofür diese Armee berüchtigt war. Doch Ullmann redet sich sein Pech, einer der letzten Eingezogenen zu sein, ein bisschen schön. "Mein Vater war drei Jahre lang Unteroffizier bei der Nationalen Volksarmee, und er meint, geschadet hat's ihm nicht." Von ihm hat der Sohn die Idee, "dass man in Uniform etwas repräsentiert". Er möchte seine Zeit in Gotha sogar freiwillig verlängern . Sonst würde er im Sommer wohl nur zu Hause herumhängen, bevor er dann studiert. Also neun Monate, das ist der Plan im Januar.

In Stube 130 wirft Ullmann seine Sachen auf das Doppelstockbett am Fenster. Ein Zimmer für sieben Rekruten. Holzspinde, Jugendherbergsmuff. Diejenigen, die schon da sind, wirken aufgedreht wie vor Beginn einer Reise, deren Ziel sie nicht kennen, mit Reisepartnern, die man auch erst kennenlernen muss.

"Ein Cousin von mir ist gerade in Masar-i-Scharif", sagt einer. Er will angeben. "Meine Mutter hat mir was unterschrieben, sonst wäre ich nicht da." Der Junge ist erst 17 und hat sich freiwillig für 23 Monate verpflichtet. Alle hier wissen, was das bedeutet: Ab dieser Dienstzeit muss man sich bereit machen für Afghanistan . "Ich will endlich mal Action haben!" Ullmann starrt den Jungen an, als zweifle er an dessen Verstand. Nicht weniger verrückt scheinen die zu sein, die sagen, sie seien des Geldes wegen da: Im Grundwehrdienst verdient man 400 Euro netto, sobald man verlängert, auch nur das Doppelte.

Die meisten neuen Rekruten sind Hauptschüler aus Thüringen und Sachsen. Viele wollen Zeitsoldaten werden. Seit man bei der Bundeswehr sein Leben riskiert, fehlen jene, die woanders bessere Chancen haben. Im armen Osten rekrutiert die Bundeswehr einen großen Teil ihres Personals.

"Und warum bist du hier?", fragt einer.

Alle schauen auf Ullmann.

"Neue Erfahrungen machen." Er klingt, als plane er ein Auslandsjahr, damit er es in seinen Lebenslauf schreiben kann.