Begegnungen von deutschen und chinesischen Politikern sind stets von Spannung begleitet: Einerseits ist Deutschland wichtiger Handelspartner des asiatischen Landes, andererseits herrschen Differenzen bezüglich der Achtung universeller Menschenrechte.

So wird das auch am heutigen Montag sein, wenn Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao mit einem Großteil seines Kabinetts nach Deutschland kommt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will ihn am Abend in kleinem Kreis in der Liebermann-Villa am Wannsee empfangen – dem einstigen Sommersitz des 1935 gestorbenen deutschen Impressionisten.

In den vergangenen Tagen verstärkte die Freilassung des chinesischen Künstlers und Aktivisten Ai Weiwei die Diskussion um Deutschlands Haltung gegenüber China. Die Tatsache, dass Ai Weiwei ohne nachvollziehbare Gründe festgehalten worden war, hatte für viel Unmut gesorgt. Die Bundesregierung wertete die Freilassung von Ai Weiwei nun als wichtiges Signal, erwartet aber weitere Fortschritte.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) will den Fall im Gespräch mit Wen zur Sprache bringen. "Trotz der Erleichterung, dass Ai Weiwei wieder bei seiner Familie ist: Tatsache bleibt, dass seine Freiheit weiter beklemmenden Einschränkungen unterliegt", sagte er. Er hoffe, dass der regierungskritische Künstler schon bald seine Professur an der Universität der Künste in Berlin antreten könne. Westerwelle nannte auch den Schutz geistigen Eigentums als wichtiges außenpolitisches Ziel. Denn chinesische Unternehmen kopieren auch deutsche Markenprodukte.

Unmittelbar vor dem Besuch kam am Sonntag ein weiterer prominenter Bürgerrechtler frei: Nach einer dreieinhalbjährigen Haftstrafe ist Hu Jia wieder bei seiner Familie. Hu Jia deutete nach seiner Freilassung an, sich wieder politisch engagieren zu wollen. Jeder müsse gegenüber seinem eigenen Gewissen loyal bleiben, sagte der 37-Jährige in einem Interview. Seine Familie mahne ihn aber zur Vorsicht.

Am Dienstag treffen sich in Berlin die Kabinette der beiden Regierungschefs zu den ersten deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen. Wen reist mit 13 Ministern und Wirtschaftsvertretern an.

Der Ministerpräsident wird auch mit Bundespräsident Christian Wulff sprechen. Beide Länder messen diesem Austausch große Bedeutung zu. Westerwelle sagte, das Verhältnis sei mittlerweile so gut, dass es auch Meinungsverschiedenheiten aushalte.

Die chinesische Regierung veröffentlichte erstmals eine Regierungsbilanz über ein einzelnes europäisches Land. In 19 Kapiteln werde der Austausch mit der Bundesrepublik als umfangreicher als mit jedem anderen Land gelobt, berichtete die Welt. Die Bilanz reiche von der Kooperation der Bankenaufsicht, von Wissenschaft und Technologie bis zum Jugendaustausch.

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) sieht in der wachsenden Rolle Chinas eine "Herausforderung für die deutsche Wirtschaft". Sie sei für den Wettbewerb mit China aber "gut gewappnet", sagte Rösler der Bild-Zeitung. "China bedeutet für uns ein Mehr an Chancen, wenn wir wie bisher unsere Wettbewerbsfähigkeit durch Innovation, Flexibilität und Kundennähe sichern", sagte Rösler. Kostenvorteile habe China im Bereich der "eher einfachen Produkte". "Deshalb liegen unsere Chancen vor allem in innovativen und technologieintensiven Gütern und Dienstleistungen."

Deutschland hat nur zu wenigen Staaten so intensive Beziehungen, dass regelmäßig Regierungskonsultationen stattfinden. China und Indien sind in diesem Jahr hinzugekommen. Die längsten Kontakte dieser Art bestehen zu Frankreich (seit 1963). Die anderen Partner sind Italien, Spanien, Polen, Russland und Israel.

Wen hatte seine Europareise am Freitag in Ungarn gestartet. Anschließend flog er nach Großbritannien weiter. Dort sagte er, China strebe an, die Binnennachfrage zu stärken und den Handelsüberschusses zu reduzieren. "Was wir wollen, ist ein ausgewogenes und tragfähiges Handelswachstum", sagte er. Vor seiner Weiterreise nach Deutschland trifft er sich noch mit Premier David Cameron.