Gefährlicher als die Opposition könnte Scholz daher das eigene Lager werden. Schließlich ist seine Regierungsmehrheit denkbar dünn. Die SPD verfügt über 62 von 121 Sitzen in der Bürgerschaft. Und all die Gruppen, die nun unzufrieden sind, sind dort durch Abgeordnete vertreten.

Hin und her gerissen, wie sie sich nun verhalten sollen, sind zum Beispiel die Hamburger Jusos. Natürlich fühlen sie sich einerseits den Studenten verpflichtet und sie fürchten, dass die SPD derzeit jene Glaubwürdigkeit wieder verliere, die sie sich in der Opposition erarbeitet hat. Aber anderseits stehen die Jungsozialisten demonstrativ "hinter dem Sparkurs", wie es ihr Vorsitzender Benjamin Gildemeister im Gespräch mit ZEIT ONLINE sagt. "Gleich auf die neue Regierung draufhauen" – das wolle man nun auch nicht.

Allerdings reagieren die Jusos allergisch, wenn etwa den Beamten nun mehr Gehör geschenkt wird als den Studenten. Nach deren Protesten fallen die Weihnachtsgeld-Kürzungen nun nämlich milder aus als ursprünglich geplant.

Es ist wie so oft nach Machtwechseln: Erst haben sie gemeinsam dafür gekämpft. Nun fordert jeder seine individuelle Dividende. Spätestens zu den Haushaltsberatungen nach der Sommerpause sind Verteilungskämpfe zu erwarten, sagt ein prominenter Hamburger Genosse.

Noch leise, aber doch vernehmbar wird unter den Sozialdemokraten auch Kritik an Scholz’ Führungsstil geäußert. Er habe "nicht den geringsten Versuch unternommen", die Studenten und Professoren mitzunehmen und einzubinden, heißt es. Generell trete er reichlich autoritär und kompromisslos auf, klagen die Genossen. Viele haben das Gefühl, "trotz absoluter Mehrheit nichts zu sagen" zu haben, wie es einer formuliert. Öffentliche Kritik an Scholz sei jedoch gefährlich. "Wer den Kopf jetzt raus steckt, bekommt ihn abgeschlagen", sagt ein Sozialdemokrat.  

Scholz selbst würde seinen autoritären Führungsstil wohl nicht einmal bestreiten. Als er die Partei 2009 übernahm, war diese in einem desolaten Zustand. Der Landesverband war in feindliche Lager gespalten und von etlichen Skandalen zermürbt. Scholz kündigte damals  unzweideutig an: "Wer Führung bestellt, der bekommt sie auch". Nicht zuletzt dieser selbstbewusste innerparteiliche Auftritt bescherte ihm sein Macher-Image in Hamburgs Öffentlichkeit.

Auch den Genossen gefiel dies zunächst gut. Langsam aber beginnen die ersten in der traditionell diskursfreudigen Partei zu zweifeln. Der noch demonstrativ proklamierten Disziplin könnte bald eine ausufernde Debatte folgen. Scholz kennt das schon: Bereits als Generalsekretär der Bundes-SPD ( Spitzname: "Scholzomat" ) durfte er feststellen, dass auch Basta-Politik so ihre Probleme nach sich zieht.