Kaum war die Nachricht vom Weiterbau an Stuttgart 21 in der Welt, da rumorte es auf der Homepage der Aktivistengruppe Parkschützer. "Was tun die Grünen jetzt, um den Super-GAU nächste Woche zu verhindern?", fragte ein Mitglied. "Hilft da Pfeifen und Demonstrieren überhaupt noch?"



Das Ergebnis eines Spitzentreffens am Morgen hatte Gegner des Bahnhofsprojekts wie ein Schlag getroffen. Der Lenkungsausschuss, unter anderen besetzt mit Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), Bahnchef Rüdiger Grube, dessen Infrastrukturvorstand Volker Kefer und dem Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU), war unversöhnlich auseinander gegangen.

Die Vertreter der Landesregierung wollten die Bahn in der außerordentlichen Sitzung dazu bewegen, die Bauarbeiten bis nach der geplanten Volksabstimmung im Herbst ruhen zu lassen. Die Bahn lehnte ab und machte stattdessen eine Rechnung auf: Jeder Monat Verzögerung koste das Unternehmen 56 Millionen Euro, dazu kämen 33 Millionen Euro Verzugszinsen an die Stadt Stuttgart. Das bis Oktober so entstehende Gesamtdefizit von rund 400 Millionen Euro werde man sich vom Land zurückholen, drohte Bahnvorstand Kefer.

Die Rechnung zeigte Wirkung, obwohl ihr glaubhafte Belege fehlten, wie Verkehrsminister Hermann nach dem Treffen beklagte. "Es ist einfach nicht nachvollziehbar, dass die Bahn den Druck so erhöht hat." Die Delegation der Landesregierung verzichtet nun wegen des Kostenrisikos auf einen förmlichen Antrag zur Aussetzung der Bauarbeiten. Kefer setzte hinzu, was das für das Schienenunternehmen bedeutet: Man werde in der kommenden Woche die Bautätigkeiten wieder "hochfahren". Was das im Detail bedeutet, sagte Kefer nicht.

Bahnhofshürde Grundwasser

Völlig unerwartet reagierten die Parkschützer gefasst. "Es ändert sich gar nichts. Wir werden auch weiter blockieren", kommentiert Sprecherin Carola Eckstein. Erst am vergangenen Dienstag hatten sich 80 Aktivisten vor einer Baustellenzufahrt in der Nähe des Hauptbahnhofs auf den Boden gesetzt, sie mussten von Polizisten weggetragen werden . Es sei "absolut richtig" von der Kretschmann-Regierung, nicht für einen Baustopp zahlen zu wollen, sagte Sprecherin Eckstein. Die vollmundige Ankündigung der Bahn sei eine "Nebelkerze", die verschleiern solle, "dass die Bahn mit der Baustelle sowieso nicht weiterkommt".

Tatsächlich gibt es ein grundlegendes Problem mit dem Grundwassermanagement im Stuttgarter Talkessel. Bereits im Mai hatte die Deutsche Bahn beim Eisenbahnbundesamt (EBA) eine Änderung der wasserwirtschaftlichen Genehmigung für das Abpumpen des Grundwassers beantragt. Nach neueren Berechnungen sind die Gesteinsschichten im Untergrund keineswegs so stabil wie bisher immer angenommen. Bis zu sechs Milliarden Liter Wasser – anstatt drei Milliarden Liter – wollen die Bauherren notfalls abpumpen, um das Tunnelprojekt sicher zu machen. Das Eisenbahnbundesamt hat den Antrag zunächst ans kommunale Stuttgarter Umweltamt weitergegeben.