Frank Henkel sitzt ein Stockwerk unter seinen Anhängern. Im Doppeldeckerbus hat er rechts hinter dem Fahrer Platz genommen, dort wo sonst die älteren Damen ihre Einkaufstaschen abstellen. Henkel beugt sich tief über seine Notizen. Als der Bus ein Tempo-30-Schild passiert, spricht er ins Mikrofon: "Unsinnige Tempo-30-Anordnungen an Hauptstraßen sind abzuschaffen, meine Damen und Herren".

Von oben trampeln die potenziellen CDU-Wähler, denen Henkel heute die "schwierigen Seiten" der Hauptstadt zeigt, zustimmend mit den Füßen. Das haben sie so mit dem CDU-Kandidaten für die Abgeordnetenhauswahl am 18. September abgemacht. Weil er sie ja nicht sehen kann. Henkel wirkt daher etwas einsam, wie er – im weißen Hemd, das Sakko hat er längst abgelegt – unten im Bus auf seinem Notizblatt den nächsten Ort sucht, über den er etwas sagen will.

Seit drei Stunden tourt der Spitzenkandidat mit circa 50 zumeist grauhaarigen Bürgern durch die Hauptstadt. Es ist Abend und dämmrig geworden, der Bus fährt durch Neukölln . Der Stadtteil also, in dem der Migrantenanteil hoch ist und die Wohnungsgesellschaften nach Ansicht von Henkel besser aufpassen müssen, an wen sie ihre Sozialwohnungen vermieten. Seine CDU werde "nicht zulassen, dass es in bestimmten Stellen der Stadt Parallelgesellschaften gibt", sagt der Spitzenkandidat. Wieder zustimmendes Trampeln von oben.

Die Berliner CDU hat es nicht leicht. Seit zehn Jahren macht sie Opposition im Abgeordnetenhaus. Auch in den Umfragen für den 18. September liegt sie hinter Klaus Wowereits SPD und nun auch hinter den Grünen von Renate Künast. Der CDU-Landesverband war zerstritten , Henkel versucht seit 2008 als Vorsitzender zu einen, was noch zu einen ist. An seiner Bekanntheit muss der 47-jährige gebürtige Ostberliner noch feilen, sagt sein Sprecher. Daher die Bustour. Weil sie so schön zum Wahlkampfmotto passt: "100 Probleme von Berlin". Wie kann man die schließlich besser illustrieren, als bei einer Stadtführung?

Die CDU hat Anzeigen in Berlins Tageszeitungen geschaltet und zu den insgesamt vier Stadttouren mit ihrem Spitzenkandidaten eingeladen. Gekommen sind vor allem Menschen, die die Partei sowieso schon wählen. Dreieinhalb Stunden dauert die Tour, der Bus hält nur einmal: Toilettengang in einem gediegenen Hotel. Wirklich schockierende Bilder sehen die Mitfahrer nicht, auch die durchaus vorhandenen hässlichen Ecken der Stadt verschwimmen beim Vorbeifahren.

Henkels CDU legt in ihrem Wahlprogramm einen Schwerpunkt auf das Thema Einwanderung und einen weiteren auf die Sicherheit der Berliner Straßen und U-Bahnhöfe . Dass die Partei damit bei ihren Anhängern gut ankommt, wird an diesem Abend schnell klar. "Mir haben se letztens meinen Mercedes aufgeknackt", erzählt ein grauhaariger Mitfahrer. Ein anderer berichtet von "Studenten-Banden", die im Sommer "angetrunken und mit dem Baseballschläger in der Hand" an seinem Haus vorbeiziehen. Das müsse unterbunden werden. Zustimmendes Nicken.

Henkel versteht sich als Fürsprecher dieser Menschen, die sich nicht sicher fühlen in der Stadt. Die es mit Sorge sehen, dass immer mehr "Partytouristen" nach Berlin kommen und sich austoben. Die finden, dass es mit der Integration der Einwanderer nicht funktioniere. Deswegen redet der CDU-Kandidat auf seiner Route immer wieder darüber, dass es seiner Meinung nach zu wenige Polizisten in der Stadt gibt. Zustimmendes Trampeln erhält er auch, als er auf die Drogentreffs in Teilen der öffentlichen Parks im Wedding, in Kreuzberg und in Neukölln hinweist. Auch "Sorgen der Einheimischen" bezüglich des hohen Ausländeranteils in manchen Stadtteilen will er thematisieren: Dass Thilo Sarrazin unlängst "in Kreuzberg als Rassist beschimpft wurde" , so etwas dürfe nicht passieren: "Man muss Sarrazins Ansichten nicht teilen, ein Rassist ist er nicht". Auch mit solchen Sätzen punktet Henkel.

Katholisch sei er und ledig, so beschreibt sich der 47-jährige Diplomkaufmann. Er habe auch mal was anderes als Politik gemacht. Darauf ist der Spitzenkandidat durchaus stolz: Er hat in der Industrie, in den Medien und in der öffentlichen Verwaltung gearbeitet. Seit zehn Jahren ist er Abgeordneter für die Berliner CDU.