Und heute? Heute meckern Schulz und Barroso über Merkel; auch die kleinen Länder tun es, Franzosen, Griechen – eigentlich alle.

Diesmal wird Merkel vorgehalten, mit ihrer abwartenden, zaudernden Haltung überhaupt erst zur gigantische Krise des Euro beigetragen zu haben.

Schon 2010 zeigte sie sich skeptisch bis ablehnend, was eine milliardenschwere Griechenland-Hilfe anging. Dann stimmte sie doch zu; war aber, als es um das nächste Hilfspaket ging, wieder zaghaft und unklar in der Aussage. Viele europäische Regierungen halten Merkel daher vor, dass sie die Währung so erst richtig destabilisierte und die Schuldenspirale ins Rotieren brachte.

Diesmal also, so die Kontinent-läufige Interpretation, war Merkels Führungsstil des Abwartens und Nicht-Festlegens kontraproduktiv und schädlich für Europa. Ihr vormals so gelobtes Zaudern wird nun als Europas Sargnagel interpretiert.

Merkel sträubte sich gegen Frankreichs Idee, mit der Installation einer europäischen Wirtschaftsregierung auf die Krise zu reagieren. Ihr erschien es falsch, das ganze institutionelle und hierarchische Gefüge der EU eilig durcheinander zu wirbeln, nur weil die Griechen über ihre Verhältnisse gelebt hatten.

Hinzu kommt, dass sich auch die Konstellation geändert hat, in der Merkel regiert. Schuld am Euro-Dilemma, so dringt es aus der Union, sei nicht zuletzt die FDP. Eine starke Minderheit bei den Liberalen ist überaus euro-kritisch und krallt sich im eigenen Existenzkampf an die populistische Forderung: Steuersenkungen für Deutschland statt Finanzspritzen für faule Griechen!

Ganz anders Finanzminister Schäuble, der von Anfang an darauf gedrängt hat, präventiv und im europäischen Verbund eine Lösung zu finden. In der Union gibt es deshalb nicht wenige, die der Großen Koalition nachtrauern. Mit den Genossen wäre die Anti-Euro-Stimmung nicht hoffähig geworden. 

Merkel selbst ist keine Anti-Europäerin, obwohl ihr das manchmal vorgeworfen wird. Tatsächlich hat sie schon viele, glaubhaft schöne Reden über eine EU gehalten, die sie als Ostdeutsche den größten Teil ihres "Lebens nur beobachten durfte". Europa, sagte sie einmal, sei ein "Haus", aus dem sie "nie wieder ausziehen" werde, eines der "beeindruckendsten Friedenswerke auf dem Planeten Erde".

Momentan gilt sie zwar als Europas Totengräberin. Dennoch ist nicht völlig ausgeschlossen, dass sie eines Tages doch noch zur Chefin des Kontinents aufsteigt. Das Gerücht, dass Merkel mittelfristig an einem europäischen Leitungsposten interessiert wäre, hält sich jedenfalls hartnäckig. Vor Kurzem berichtete beispielsweise der Cicero , gestützt auf Informationen aus dem Kanzleramt, Merkel strebe 2012 der Posten des EU-Ratspräsidenten an. Der ist mit dem Belgier Herman Van Rompuy bislang nicht sonderlich stark besetzt.

Schon 2007, in Merkels Hochphase, wurde spekuliert, ob sie nicht die perfekte Besetzung für einen EU-Führungsposten wäre. Aus Merkels Umfeld hieß es damals vielsagend, das stehe "noch nicht" zur Debatte. Nun, nach sieben Jahren im Kanzleramt, könnte Merkel diese Aufgabe tatsächlich reizen. Nur leider könnte sie sich mit ihrem Euro-Schlingerkurs selbst um ihre einst hervorragenden Chancen gebracht haben.