Nach Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hat auch der parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, Christian Ahrendt, seine Partei aufgefordert, neue Bündnisse zu erwägen. "Es macht keinen Sinn mehr, wenn sich die FDP ausschließlich an einen Koalitionspartner kettet", sagte er dem Hamburger Abendblatt. "Es sollte für uns Liberale eine Selbstverständlichkeit sein, mehrere Koalitionsmodelle in Betracht zu ziehen."

Leutheusser-Schnarrenbergerhatte ihrer Partei eine Öffnung zur SPD empfohlen und gesagt, die FDP dürfe sich "nicht einseitig auf die Union ausrichten". Zugleich sicherte sie der Union zu, die FDP sei ein verlässlicher Koalitionspartner. Die FDP liegt in den Umfragen derzeit wieder bei fünf Prozent, die Regierungskoalition hinter einem rot-grünen Bündnis. "Wir müssen uns darüber Gedanken machen: Wie sehen wir die Zukunft der FDP strategisch?", sagte die Ministerin.

Der Vorstoß fällt zusammen mit der Ankündigung der Koalition, zu Jahresbeginn die Steuern zu senken – ein Vorhaben, über das die Regierungsparteien lange diskutiert hatten. Ahrendt geht das nicht weit genug. "Wir konnten in den zwei Jahren Koalition mit der Union nicht das umsetzen, wofür wir gewählt wurden", sagte er. "Wir dachten, wir würden unsere Reformvorhaben mit der Union verwirklichen, und sind dabei in eine Falle gelaufen."

Wenn man sehe, wie konsequent die Koalition die Energiewende vorantreibe, dann frage er sich, warum sie diese Kraft nicht auch für eine echte Gesundheitsreform und eine nachhaltige Steuerreform habe. Über den Koalitionspartner sagte Ahrendt: "CDU und CSU sind nicht die reformorientierten Kräfte, für die wir sie gehalten haben."

Unterstützung erhält er dabei auch von der Wirtschaft: "Ich glaube nicht, dass wir heute eine Bilanz ziehen können, die uns zufriedenstellt", sagte der Chef des Industrieverbandes BDI, Hans-Peter Keitel mit Blick auf die nach der Sommerpause anstehende Halbzeit der Legislaturperiode. "Es bleiben gerade noch zwei Jahre, in denen man noch einiges tun muss."

CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe äußerte sich irritiert über die Koalitionsüberlegungen Leutheusser-Schnarrenbergers. "Unsere Aufgabe ist klar: Gemeinsam hart arbeiten für unser Land und den Erfolg dieser Koalition. Das ist jetzt angesagt – und nicht theoretische Koalitionsüberlegungen", sagte Gröhe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zugleich verwies er auf das Bekenntnis der Bundesjustizministerin zur Koalitionstreue. "Frau Leutheusser-Schnarrenberger hat sich eindeutig zur christlich-liberalen Koalition bekannt", sagte er.

Auch aus der FDP kam Kritik: Sachsens Landeschef und Bundes-Vize Holger Zastrow kritisierte die Debatte als "nicht hilfreich". Die Unterschiede zur SPD seien größer als zur CDU, sagte er der Chemnitzer Freien Presse. "Anstatt nach neuen Partnern Ausschau zu halten, sollten wir dafür sorgen, dass die bürgerliche Koalition in Berlin endlich besser funktioniert."

CDU-Bundesvize Annette Schavan meldete sich mit einer Grundsatzkritik zu Wort. "Die gute Entwicklung des Landes und die Ergebnisse unserer Politik geraten in den Hintergrund, weil es in der Koalition keinen Grundton des Wohlwollens, sondern einen Mangel an Vertrauen gibt", beklagte die Bildungsministerin, die als Vertraute von Angela Merkel vielen als Sprachrohr der Kanzlerin gilt, im Tagesspiegel. "Theoretisch geht viel, auch Schwarz-Grün", sagte sie. "Aber praktisch gilt: Die CDU steht mit der FDP in einer Koalition und zum Thema Vertrauen gehört es deshalb, dass ich nicht über andere Farbenspiele schwadroniere."

Die Reaktion der SPD fiel verhalten positiv aus. Parteichef Gabriel sagte, die FDP sei nicht mehr sozialliberal. "Das Problem ist, dass Frau Leutheusser-Schnarrenberger in ihre Partei hineinruft und kein Echo haben wird." SPD-Vize Klaus Wowereit lobte, die Ministerin sei eine "kluge Frau", die für die gute, alte und liberale FDP stehe. Er könne der FDP nur wünschen, dass sich Leutheusser-Schnarrenberger mit ihren Positionen durchsetze.