Die stellvertretende FDP-Vorsitzende Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hat den Liberalen eine Öffnung zur SPD empfohlen. "Die FDP darf sich nicht einseitig auf die Union ausrichten", sagte sie dem Hamburger Abendblatt. Zwar versicherte sie, die FDP sei ein verlässlicher Koalitionspartner. Aber sie sagte auch: "Fakt ist: Das Parteienspektrum verändert sich."

Bis auf die Linkspartei orientierten sich inzwischen alle an der Mitte. Schnittmengen zwischen SPD und FDP gebe es in der Außen- und Verteidigungspolitik. In den Ländern hätten die Liberalen immer auch mit anderen Parteien als der Union koaliert. "Die SPD wird kein Interesse daran haben, als Juniorpartner der Grünen zu enden", sagte die Ministerin, die als Frontfrau des linken FDP-Flügels gilt.

Zugleich mahnte sie die Koalition, in der Steuerdebatte mehr Geschlossenheit zu zeigen. Eine Entlastung der Bürger gelinge am besten, "wenn wir in der Koalition darauf verzichten, mit immer neuen Vorschlägen an die Öffentlichkeit zu treten".

Die CSU reagierte irritiert. "Angesichts der Lage der FDP verwundern die Gedankenspiele von Frau Leutheusser-Schnarrenberger", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Stefan Müller. "Es braucht jetzt keine Koalitionsspekulationen, sondern ordentliche Arbeit."

Dennoch: Auch in der Union rumort es. Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Annette Schavan führte das anhaltende Umfragetief von Union und FDP auf mangelndes Wohlwollen und fehlendes Vertrauen innerhalb der Koalition zurück. Im Berliner Tagesspiegel, kritisiert sie, in der Koalition werde zu viel übereinander statt miteinander gesprochen.

"Die gute Entwicklung des Landes und die Ergebnisse unserer Politik geraten in den Hintergrund, weil es in der Koalition keinen Grundton des Wohlwollens, sondern einen Mangel an Vertrauen gibt. Das ist unsere Schwäche", beklagte Schavan, die als Vertraute von Kanzlerin Angela Merkel gilt. Ursache seien "andauernde Indiskretionen".

Die Senioren-Union warnt die CDU-Führung einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zufolge davor, die ethischen Fundamente der Partei zu schleifen. Im Entwurf eines Manifestes mit dem Titel "Kultur des Lebens" werde "mehr inhaltliche Führung und ein konkret christlich geprägtes Leitbild" gefordert, berichtet die Zeitung. Spitzenakteure der CDU sprächen gern davon, dass die Kernideen und Werte der Partei in die neue Zeit "übersetzt" werden müssten, zitiert das Blatt aus dem Entwurf. "Dem stimmen wir mit einer Ausnahme zu: Das christliche Menschenbild ist zeitlos und davon ausgenommen."

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier schließt unterdessen vorzeitige Neuwahlen im Bund nicht mehr aus. Er habe bisher immer geglaubt, Union und FDP würden als "eine Art Notgemeinschaft" bis 2013 durchhalten, sagte der SPD-Fraktionschef der Saarbrücker Zeitung. Inzwischen habe er aber auch daran Zweifel. Bei der Abstimmung über den Europäischen Stabilitätsmechanismus im Herbst müsse die Kanzlermehrheit stehen, "oder es ist das Ende der Koalition", sagte er.

Steinmeier sagte, die SPD sei für den Fall von Neuwahlen gerüstet. "Wenn die Regierung sich eingesteht, dass sie am Ende ist, dann werden wir vorbereitet sein. Und zwar auch personell", antwortete er auf die Frage, ob die SPD ihren Kanzlerkandidaten jetzt früher als bisher geplant benennen müsse. Zu seinen Ambitionen oder denen des früheren Finanzministers Peer Steinbrück äußerte er sich nicht eindeutig.

Leutheusser-Schnarrenberger zeigte Sympathie für Steinbrück als SPD-Kanzlerkandidat. Dieser sei dabei, seine Chancen auszuloten. "Und die Umfragen zeigen, dass Steinbrück bei den Bürgern Wertschätzung genießt. Das sollte man nicht unterschätzen."

SPD-Chef Sigmar Gabriel reagierte skeptisch auf den Vorstoß der FDP-Politikerin. "Das Problem ist, dass Frau Leutheusser-Schnarrenberger in ihre Partei hineinruft und kein Echo haben wird, weil die FDP nicht mehr sozialliberal ist", sagte er. Zugleich warnte Gabriel vor einer schwarz-grünen Koalition. "Das wäre eine Koalition der Satten, die sich keine Gedanken mehr darüber machen, wie Wohlstand entsteht", sagte er der WirtschaftsWoche. Er bekannte sich ausdrücklich zu den Grünen als Bündnispartner.

Grünen-Chef Cem Özdemir hingegen sieht seine Partei im bürgerlichen Lager stehen. Er habe nichts dagegen, wenn man die Grünen "im positiven Sinne eine bürgerliche Partei" nenne, sagte er der Welt am Sonntag.