Schon ihr Blazer war irgendwie leidenschaftlich. In einer frischen Knallfarbe präsentierte sich die Kanzlerin am Freitag den Hauptstadtjournalisten – und sorgte gleich für ein ironisches Raunen in der Menge. Ist es Malve? Koralle? Lachsrot? Zunächst ließ sich keine Antwort finden.

In jedem Fall wirkte Angela Merkel trotz stundenlanger nächtlicher Euro-Rettungsverhandlungen in Brüssel recht frisch in ihrem sommerlichen Look. Betont zufrieden zog sie Bilanz des vergangenen Regierungsjahres. Wie eine Kanzlerin das eben so macht bei der traditionellen Pressekonferenz vor ihrem Sommerurlaub: "Deutschland geht es so gut wie lange nicht." Eine Bundeswehrreform angegangen, Hartz-IV neu geregelt, die Energiewende beschlossen, weniger Arbeitslose. Bald werde es "maßvolle Steuerentlastungen geben". Angela Merkel weiß natürlich, dass man über all diese Entscheidungen auch weniger Freundliches erzählen könnte.

Aber die Journalisten hakten kaum nach. Es gibt zurzeit wichtigere Dinge als umstrittene innenpolitische Reformen, 180-Grad-Wendungen, nervige Koalitionspartner und grummelige CDU-Basis-Politiker. In der Nacht zuvor hat der Euro-Krisengipfel abermals ein Hilfspaket für Griechenland geschnürt – 109 Milliarden Euro schwer. Merkel und der französische Präsident  Nicolas Sarkozy hatten den Kompromiss dazu ausgearbeitet.

Die Kanzlerin hat in den vergangenen Tagen viel darüber lesen müssen , dass ihre zögerliche Haltung in der Euro-Frage dem Währungsraum schade. Dass sie aus Angst vor den deutschen Wählern und dem Koalitionspartner nicht so viel Steuergeld für die in Schwierigkeiten geratenen Mitgliedsländer ausgeben will und damit den Euro an den Abgrund treibt.

"Madame Non" wurde Merkel deshalb genannt, stets würde sie Bedingungen stellen, aber es an Solidarität mit den schwächeren Mitgliedsländern mangeln lassen. Der Kanzlerin würde die Leidenschaft fehlen. Ihr habe sich die europäische Idee niemals erschlossen.

"Leidenschaft, ja genau", sagt Merkel am Freitag auf Nachfrage. Ein ironisches Lächeln huscht über ihr Gesicht. Wenn sie "für alles so viel Leidenschaft aufbringen würde wie für Europa", dann müsse der Tag schon 48 Stunden haben. Natürlich sei sie "eine leidenschaftliche Europäerin", sagt Merkel fast trotzig. Aber es sei eben eine "Merkel’sche Art der Leidenschaft".

"Und die ist ziemlich intensiv."

Mehrmals in der Pressekonferenz erklärt Merkel, was sie damit meint: "Politik muss als Ganzes gedacht werden." Nichts ist der Kanzlerin mehr zuwider, als "wenn einfach so Schlagworte in den Raum gerufen werden." Zum Beispiel, wenn es heiße, nur ein radikaler Schuldenschnitt oder eine Transferunion könnten dem Euro noch helfen. Aktionismus helfe nicht, es gelte, "abgestimmte Schritte" zu unternehmen, sagt Merkel: "Ich bin jemand", der wenig spekuliert", gibt sie den Zeitungskommentatoren Recht. "Ich treffe Entscheidungen, wenn sie soweit sind."