"Ein Kollege, dessen Tweets ich bei Twitter verfolgt habe, berichtete von einer leckeren Bratwurst auf einer Parteiveranstaltung. Da habe ich ihn zur Seite genommen: Wen interessiert es, ob Dir die Bratwurst schmeckt? Was soll das?"
David McAllister, CDU, Ministerpräsident in Niedersachsen, im Tagesspiegel-Interview

Die Bratwurst als vermeintliches Zentrum des politischen Geschehens? Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister kritisiert den twitternden Abgeordneten ob seiner Leidenschaft für das Triviale. Die Kritik meines Parteifreundes an dem twitternden Kollegen, der über den Genuss seiner Bratwurst schreibt, ist nicht neu. Schon 2009 sagte es FDP-Wahlkämpfer Thomas Scheffler ähnlich. Und man hört es auch hier und da immer wieder.

Also: Ist das politische Twittern lediglich mediales Zentrum narzisstischer und selbstreferentieller Bundespolitiker aus Reihe zwei und drei? Mag sein. Muss es aber nicht. Unter meinen 1.649 Tweets ist nicht ein einziger über meinen Speiseplan.

Anfangs hielt ich Twitter für eine Spielerei von Kids. Doch schnell wurde klar, dass ich als Politiker auf Dauer nicht darauf verzichten würde. Twitter bietet mir die Chance, als "einfacher" Abgeordneter von meiner Arbeit zu berichten – und so wahrgenommen zu werden.

Daher schreibe ich meine Meinung zu aktuellen Fragen, lade zu Veranstaltungen ein und – ja – platziere auch schon einmal das ein oder andere Private. Schließlich sind Politiker Menschen und keine Roboter, das darf auch auf Twitter schon einmal deutlich werden. Das Erstaunliche: Mich sprechen Leute auf Tweets und Facebook-Einträge an, die mir vermeintlich gar nicht folgen. Die Reichweite ist größer, als es scheint.

Denn kritisch ließe sich einwenden: Welchen Nutzen bringen 1.000 oder 2.000 Twitter-Followers, wenn der Wahlkreis 218.215 Wahlberechtigte hat? Es sind die gleichen Annahmen, wegen derer ich Schützenfeste und ähnliche Veranstaltungen besuche: Hier finden sich Multiplikatoren, und man bekommt via Social Media ein ehrliches Feedback für seine Arbeit. Außerdem kommt es auf jede einzelne Stimme an. Twitter ist gewissermaßen das Schützenfest 2.0.

"Nicht alles, was in sozialen Netzwerken passiert, ist auf Anhieb nachvollziehbar. Jeder teilt jedem mit, was er gerade macht, denkt und fühlt. Das ist ein neues Phänomen. Es fällt mir manchmal schwer, den persönlichen oder gesellschaftlichen Mehrwert zu erkennen."
David McAllister, CDU, Ministerpräsident in Niedersachsen

Wobei der Dialog das Spannendste an Twitter ist. Dialog setzt Authentizität voraus. Und authentisch ist erst einmal nur der, der selbst schreibt. Die Tweets also von Mitarbeitern schreiben zu lassen, ist der größtmögliche Fauxpas im Netz.

Die thematische Breite muss aber noch wachsen. So lerne ich: Tweets zur Netzpolitik oder zum Atomausstieg werden meist schnell kommentiert und als Retweet weitergeleitet. Andere Themenfelder wie Familien- oder Baupolitik finden schwerer Anklang. So wie eine unlängst – versehentlich – von mir zwei Tage zu früh platzierte Meldung zu Haushaltszahlen der Verkehrspolitik. Sie zog keine Welle nach sich, sondern verpuffte ungehört. Das mag vielleicht der Grund sein, warum manche Kollegen Twitter als langweilig abtun.

Man muss nicht ständig und überall twittern. Wähler wollen nicht nur Dialog, sondern auch Abgeordnete, die sich auf ihre Themen konzentrieren. Deshalb twittere ich manchmal tagelang nicht. Denn man muss auch nicht alles kommentieren. Ich gebe es offen zu: Nein, ich weiß nicht alles. Ich kann nicht alles erklären. Und ich habe nicht zu jedem Informationsfitzel in Echtzeit eine Meinung. Ich möchte gern über schwierige Fragen nachdenken können. Das geht, auch im Twitter-Zeitalter.

Via Twitter kann ich schwierige Entscheidungen erklären. Meine Wähler haben nicht nur ein Recht zu erfahren, wie ich abstimme, sondern auch warum. Lange habe ich darüber nachgedacht, was die richtige und verantwortliche Position zur  Präimplantationsdiagnostik ist. Meine Entscheidung habe ich am Tag der Bundestagsabstimmung auf meinem Blog erklärt und per Twitter verbreitet.

Twitter wird auch zur Herausforderung für die Parteien. Denn die Menschen fragen sich: Muss ich noch Mitglied werden oder reicht es, Follower und Facebook-Freund des Bürgermeisters zu sein? Unter den Followers sind auch Leute, die so etwas wie Fans eines Politikers sind, die nach Veranstaltungen noch zum Redner nach vorne kommen. Dieser Wunsch nach Nähe und direkter Ansprache wird heute auch im Netz befriedigt.

Mehr als auf anderen Kommunikationswegen gilt bei Twitter: Vorsicht an der Bahnsteigkante! Ein kleiner politischer Erfolg spricht sich auch unter ein paar Tausend Followers meist nur schwerfällig herum. Doch ein kleiner Versprecher kann – viral verbreitet – über Nacht ein Millionenpublikum amüsieren. Die Nutzer offenbaren Fehler gnadenlos und verbreiten sie weiter.

Man kann Wahlen und Karrieren im Internet verlieren. Aber kann man sie auch gewinnen? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht kann das Netz einen Beitrag dazu leisten. Und wer über die Trivialisierung von Twitter schimpft, der darf nicht das Medium mit dem Absender verwechseln. Deshalb: Don’t blame it on the net, blame it on the sender.