Bei der Deutschen Bahn wird man sich ordentlich ärgern: Seit das Magazin Der Spiegel an diesem Wochenende – mit Verweis auf "interne Papiere" des Schienenkonzerns – enthüllte, die vorliegenden Kalkulationen zum Projekt Stuttgart 21 seien jahrelang geschönt worden , hat sich die öffentliche Aufregung weiter verstärkt. Bereits vor zwei Jahren, so das Hamburger Wochenmagazin, sei der Stuttgarter Bahnhofsumbau intern mit 4,5 Milliarden Euro berechnet worden. Das wäre nach damaligen Vorgaben von Bahn-Chef Rüdiger Grube zu viel gewesen. Doch es gab keinen Baustopp.

Die Bahn angeschlagen, die Bahn in Erklärungsnot, so kommentierten viele Blätter zum Wochenstart die Nachricht, die von der Konzernzentrale umgehend als "haltlos" zurückgewiesen wurde. Zum ersten Mal seit längerer Zeit kann die Kretschmann-Regierung ein wenig durchatmen. Zumindest für einen Moment richtet sich der öffentliche Fokus nicht auf die Nöte und Schwächen der Grünen in Baden-Württemberg.

Die Enthüllung kommt just zu einem Zeitpunkt, da der positiv ausgefallene Stresstest für den geplanten Tiefbahnhof die Stimmung im Lager der Projektgegner trübt. Erst muss zwar noch die Zürcher Ingenieur- und Verkehrsplanungsfirma SMA dem Test das Tauglichkeitssiegel verleihen. Doch im grünen Parteilager hat man sich sehr konkret mit dem Gedanken zu befassen, dass der neue Bahnhof technisch tatsächlich funktionieren könnte. Er werde sich dem Ergebnis des Stresstests beugen, hat Kretschmann immer betont.

Befürworter von S21 wollen indessen ganz genau wissen, woher der Spiegel die neuesten Interna, die aus der Zeit zwischen 2002 und 2010 stammen sollen, plötzlich hat. Schon im Oktober vergangenen Jahres meldete das Hamburger Magazin, ebenfalls mit Verweis auf "interne Papiere", dass die Kostenplanung "schöngerechnet" sei ("Ende der Mogelei"). Winfried Hermann, damals noch Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Deutschen Bundestag und intimer Kenner der Materie, kritisierte den Aufsichtsrat der Bahn in dem Artikel scharf.

Seit dem 12. Mai ist Hermann, der erklärte S21-Gegner, Baden-Württembergs Infrastrukturminister. Dass er auskunftsfreudig ist und es gut mit den Medien kann, hat er, lange bevor seine ersten 100 Arbeitstage als Ressortchef absolviert sind, schon nachgewiesen, allerdings auf unglückliche Weise. Kurz nach der Vereidigung stellte er sich selber als Sturmspitze gegen das Bahnprojekt in Position und erklärte, nur für S21 zuständig sein zu wollen, wenn das Projekt verhindert wird.

Einige Zeit darauf begab er sich öffentlichkeitswirksam an den Bauzaun am Stuttgarter Hauptbahnhof und redete mit Aktivisten. Er brauche die Leute auf der Straße, sagte Hermann nachher in einem Interview. Inzwischen muss der 58-Jährige von seinem Regierungschef öffentlich in Schutz genommen werden, auch gegen eigene Parteimitglieder, von denen viele murren, Hermann hetze die Leute zusätzlich auf und habe offensichtlich nicht begriffen, dass er kein Oppositionspolitiker mehr sei.

Vor ein paar Tagen hatte der "Winne", wie ihn Freunde nennen, erste durchgesickerte Informationen über den bestandenen Stresstest als "Foul" der Bahn bezeichnet und sich völlig überrascht gegeben. Hermann sei über Zwischenergebnisse des Tests immer auf dem Laufen gehalten worden, sagte indessen ein Bahnsprecher. Tatsächlich hatte der Minister einem der vielen Journalisten, mit denen er im Kontakt stand, frühzeitig klagend anvertraut, der Stresstest werde wohl nicht scheitern. Im Stuttgarter Landtag, mit dem Widerspruch konfrontiert, wand sich Hermann, erzählte etwas von unautorisierten Zitaten und einer "leichten Sprachverwirrung".