Die SPD, einstige stolze Arbeiter-Volkspartei, hat zurzeit viele Probleme. Eines davon ist der Mangel an jungen Mitgliedern und damit auch an charismatischem Nachwuchs für Führungspositionen. Parteichef Sigmar Gabriel kann aber der Situation durchaus etwas Gutes abgewinnen: Er sei sich "ganz sicher", sagt er, dass er – nach seiner Abwahl als niedersächsischer Landeschef im Jahr 2003 und seiner Degradierung zum SPD-Pop-Beauftragten – niemals nur wenige Jahre später Parteivorsitzender geworden wäre, "hätte es da andere gegeben."

Gabriel gibt sich demütig an diesem schwülen Freitagabend im Programmkino Babylon in Berlin-Mitte. Als Chef der Sozialdemokraten soll er über die Krise seiner Partei sprechen. Die will bekanntlich einfach nicht weichen: Bei den Bundestagswahlen 2009 erreichte die SPD mit 23 Prozent der Stimmen ihren historischen Tiefstand. Seitdem versucht Gabriel gemeinsam mit Andrea Nahles, die (nicht nur) von der Agenda-Politik Gerhard Schröders und Franz Münteferings so geschundene SPD zu versöhnen.

Doch die Umfragewerte stagnieren, derzeit liegt die SPD immer noch auf dem Niveau der letzten Bundestagswahl und – was vielleicht noch schmerzhafter für die Genossen ist – gleichauf mit dem vormals kleinen Koalitionspartner, den Grünen. Filmemacher Lutz Hachmeister hat die SPD nun anderthalb Jahre lang auf ihrer Sinnsuche begleitet. Die Dokumentation in Spielfilmlänge wurde Freitagabend erstmals dem Publikum vorgeführt, in der ARD wird er Ende Juli zu sehen sein. Hachmeister ist Gabriel und seinem Führungskreis mit der Kamera gefolgt, er begleitet adventliche Sitzungen im innersten Führungszirkel und zeigt Gabriels genervtes Gesicht auf skurrilen Gewerkschaftsveranstaltungen in der niedersächsischen Provinz.

Der Zuschauer darf sich zunächst an den Parteitag Ende 2009 erinnern, bei dem der neu gewählte Parteichef seine SPD dazu aufrief, wieder "raus ins Leben" zu gehen, dahin, wo es laut sei und manchmal auch stinke. Der Film zeigt die wichtigen Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen und Hamburg, bei denen SPD-Landeschefs an die Regierung kamen. "Und wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her", scherzt Gabriel über die absolute Mehrheit von Olaf Scholz, den einzig wirklichen Erfolg, den die SPD seit 2009 verbuchen konnte. Doch die Freude währt nicht lange: Noch gut kann man sich an das Entsetzen auf den Gesichtern der baden-württembergischen Wahlkämpfer erinnern, als der Prozentbalken der Grünen am Wahlabend länger ist, als der der SPD.

Alle SPD-Granden dürfen in eingeblendeten Interviewsequenzen Rückschau und Ausblick halten auf die vertrackte Situation der Partei. Doch ihre Antworten bleiben erwartbar bis langweilig. Ex-Kanzler Gerhard Schröder glaubt immer noch, dass die Hartz-IV-Gesetze wichtig und nötig waren. Andrea Nahles sagt, es sei ein "schwerwiegender Fehler" gewesen, bei der Umsetzung nicht genug auf die Sorgen der Menschen zu hören. Die Generalsekretärin möchte sich außerdem "lieber nicht" vor laufender Kamera an den Sturz des ihr nahe stehenden Parteichefs Kurt Beck ein Jahr vor der Bundestagswahl erinnern. Schließlich war der von Frank-Walter Steinmeier mit inszeniert , und Nahles und Steinmeier arbeiten bis heute zusammen. "Ich möchte darüber nicht reden", sagt sie also lediglich und lächelt gequält.

Innerparteiliche Flügelkämpfe werden abgetan. Der Vorsitzende des konservativen Seeheimer Kreises, Johannes Kahrs, spricht lieber über das Gemeinschaftsgefühl bei der Spargel-Fahrt seines Vereins auf dem Wannsee, als über das Positionspapier, mit dem der Kreis den linken Kurs der Parteiführung infrage stellte.

Der einzige, der immer wieder für schnodderig-offene Fundamentalkritik eingeblendet wird, ist Ex-Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement. Er sagt allerdings auch nicht viel Neues: "Die SPD ist dabei, ihren Charakter zu verlieren". Oder über Gabriel: "Er ist ein Populist, ein brillianter Rhetoriker – doch das geht dann zu Lasten der Inhalte". Der kleine kosmetische Fehler ist außerdem: Clement ist schon länger kein SPD-Mitglied mehr und bei der Parteiführung längst eine Persona non grata. Wer mit den Sozialdemokraten persönliche Erfolge feiere und die Partei am Ende diskreditiere, für den habe sie nur "Verachtung" übrig, sagt Andrea Nahles im Film.