Es wird voller auf den zuvor so wenig befahrenen Straßen. Motorräder, Kastenwagen, Roller, Fahrräder. An der Otto-Suhr-Allee winkt ein Zivilpolizist einen Wagen zur Seite. "Habt ihr hier einen mit dunklem Kapuzenpulli gesehen?"

"Sorry, wir sind keine Polizisten, wir sind Pressefotografen."

"Macht doch nichts. Habt ihr nun was gesehen?"

Beide Seiten kennen sich, zuweilen mehr als nur flüchtig, wie aus den Gesprächen der Fotografen untereinander herauszuhören ist. Keiner mag seine Quellen preisgeben, aber die Polizisten sind offenbar froh über jedes wache Augenpaar, und schließlich haben sie doch alle annähernd gemeinsame Ziele, die sich nur um Nuancen unterscheiden. Die einen jagen mit Handschellen, die anderen mit der Kamera.

Scheinbar ziellos patrouillieren die Jäger durch das schläfrige Viertel. Am Kaiserdamm, in einer etwas lebhafteren Gegend, wird ein Jugendlicher dabei beobachtet, wie er sich in einem Gebüsch versteckt. Sofort ist ein Polizeiwagen zur Stelle, aber die Sache ist schnell aufgeklärt: Der Jung ist ein Schüler, der, wahrscheinlich nach dem Genuss von ein paar Bieren, seinen Kumpels einen Streich spielen wollte.

Die Polizisten haben genaue Vorstellungen von ihrer Zielperson. Jeder Radfahrer wird angehalten, und wer jung und dunkel gekleidet ist, muss sich mit gespreizten Armen und Beinen einer intensiven Leibes- und Rucksackvisitation unterziehen lassen. Auf der Caprivibrücke radelt einer einfach weiter, aber schon rennen vier Männer in olivfarbenen Anzügen hinter her, "halt, stehen bleiben, Polizei!", sie leuchten ihm mit Taschenlampen ins Gesicht, und als sie ihn nach 50 Metern endlich zum Stehen gebracht haben, sieht das aus der Distanz verdächtig nach einem Fahndungserfolg aus. Doch nach ein paar Minuten sind alle Verdachtsmomente ausgeräumt. Der Radfahrer hat die Polizisten nicht gehört, weil sein iPod auf volle Lautstärke gedreht war.

Die Berliner CDU will die brennenden Autos in den nächsten Tagen von der Straße holen und auf ihre Wahlkampfplakate beamen. Es ist ein dankbares Wahlkampfthema. Gerade vor dem Hintergrund der Krawalle von London. Die Opposition wird nicht müde zu behaupten, die Polizei könne das Brandstifterproblem deshalb nicht lösen, weil sie vom rot-roten Senat kaputt gespart worden sei.

In der Luft dieser Nacht liegt eine surreale Atmosphäre von Bürgerkrieg. Alle paar Straßenecken blockieren Streifenwagen die Fahrbahn. Völlig unverhofft springen Polizisten aus dunklen Hauseingängen, um Passanten zu kontrollieren, sobald sich überhaupt welche zeigen, was selten genug vorkommt. Über der Spree rattert ein Hubschrauber, der mit Wärmekameras nach Brandstiftern sucht. Mehr Polizeipräsenz ist schwer vorstellbar.

Was fehlt, ist die andere Hälfte des Bürgerkrieges. In Charlottenburg steht die Polizei einem unsichtbaren Feind gegenüber. Der verschwindet in der Weite und Leere der Charlottenburger Nacht. Im Schlosspark Charlottenburg oder in den Büschen an der Spree, vielleicht auch in einem Auto oder Hauseingang. Dieser Feind ist nur mal für ein paar Sekunden sichtbar, wenn er sein Feuerzeug zückt zum entflammen eines Grillanzünders. Und vielleicht ist das seine Botschaft an alle: Ihr könnt mich nicht aufhalten!

Die Polizei braucht nicht mehr Personal. Damit könnte sie vielleicht jede Straße in Charlottenburg absperren, während die nächtlichen Brandstifter ihre Grillanzünder in Mariendorf oder Karlshorst einsetzen, in Lichterfelde oder Friedrichshagen. Berlin ist reich an bürgerlichen Wohngegenden.

Was die Polizei braucht, ist den berühmten Zufall. Den einen winzigen Moment, in dem sich ein Bandstifter zu sicher fühlt, in dem er unvorsichtig wird, in dem er sein bisheriges Glück überstrapaziert. Hätte der Zündler vom Charlottenburger Ufer nicht über die Gießkanne des blonden Ben stolpern können? Und warum ist dieser eine Polizeiwagen nicht drei Minuten später durch die Händelallee gefahren?

Die Händelallee liegt zwei Spreebögen weiter im Hansaviertel. Es ist schon bald halb zwei, als dort die letzten beiden der sechs Autos dieser Nacht in der City West brennen. Eine Fotografin ist am Ort, sie protokolliert später die Szene vor dem benachbarten Wohnhaus, wie ein Mieter sein Fenster öffnet und fragt, ob denn da unten ein silberner BMW brenne. Der Polizist nickt. "Ach du Scheiße", ruft der Mann aus dem Fenster, "das ist meiner!"

Erschienen im Tagesspiegel