Gern wird die Euro-Krise in diesen Tagen als Anfang vom Ende der Europäischen Union wahrgenommen. Gelähmt durch Überdehnung, gezeichnet von nationalen Egoismen, finanziell überspannt durch eine gescheiterte Währung scheint die Gemeinschaft am Ende zu sein: Europa kann nicht mehr. So mag mancher denken. Vielleicht aber ist es genau andersherum. Vielleicht wird gerade die Finanz-Euro-Schuldenkrise zum Katalysator einer weitaus tieferen europäischen Integration.

Hören wir beispielsweise auf Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Er ist ein erklärter Europa-Freund, gleichzeitig aber auch ein Meister kalter Realpolitik. Jüngst sagte er auf eine Frage des Spiegels danach, wie der Euro zu retten sei: "Politik muss den Mut haben voranzugehen." Am Sonntag erklärte er in der Welt am Sonntag dann konkreter, was er damit meint. Auf die Frage, ob er Souveränität an Brüssel delegieren würde, sagte der Minister: "Die Privatperson Wolfgang Schäuble wäre dazu schon bereit. Ich habe kein Problem mit der Idee eines europäischen Finanzministers."

Mancher in der Union wird geschaudert haben ob solcher Worte. Gerade formiert sich der Widerstand gegen die Pläne der Bundesregierung, in der Folge des jüngsten EU-Beschlusses abermals Geld zur Euro-Rettung bereitzustellen. Nebulös heißt es, "man könne nicht künftigen Generationen immer neue finanzielle Risiken aufladen" (CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach ) oder "Für Euro-Bonds bin ich nicht zu haben" (Fraktionsvize Michael Fuchs ).

Trotz solcher Widerstände lässt sich spüren, dass da etwas im Gange ist. Vor zehn Jahren, im August 2001, wurden die Entwürfe der neuen Euro-Geldscheine vorgestellt. Was würde das neue Geld bringen?, fragten sich die Bürger. Zu hören bekamen sie, dass jeder bald die Preise am Urlaubsort mit denen zu Hause vergleichen könne und mit den Umtauschmühen endgültig Schluss sei. Mehr werde sich nicht ändern. Politischerseits stand jedoch damals schon die Hoffnung im Raum, über die Wirtschafts- und Währungsunion könne jene politische Union erreicht werden, die anders nicht durchsetzbar erschien.

Dieser Plan könnte nun unerwartet aufgehen. Jedenfalls wenn die Bundesregierung weiter an jenen Grundsätzen festhält, die sie gegenwärtig in Dauerschleife wiederholt: Europa wird nicht an dieser Krise zerbrechen. Die Existenz des Euro ist nicht verhandelbar. Kein noch so verschuldetes Land wird fallen gelassen. So sagt es die Kanzlerin, so verteidigt es der Finanzminister, so pflichten auch oppositionelle Sozialdemokraten und Grüne bei.