Große Krisen bringen auch ihre absurden Momente mit sich. Angela Merkel muss das auf dem Schweriner Marktplatz feststellen. Sechs Tage vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern hat die Kanzlerin gerade den Höhepunkt ihrer Rede erreicht. Es geht natürlich um die Euro-Krise – und implizit auch um die vielen Kritiker , die Merkel ein schlechtes Krisenmanagement attestieren.

"Ich weiß, dass Sie Angst haben", sagt Merkel also zu den Bürgern. Sie spricht leise und eindringlich. In ihrer schönsten Pastorentochterstimme, die sie oft benutzt, wenn sie Wichtiges verkünden will. "Aber das brauchen Sie nicht", versichert sie den Schwerinern. "Die Währung ist stabil".

Weiter kommt sie nicht. Sie wird von einem Sprechchor unterbrochen: "Wir haben Angst. Wir haben Angst. Wir haben Angst." Es sind Umweltschützer, Grüne, Linke und andere Demonstranten, die sich unter die CDU-Sympathisanten gemischt haben. Ihre Rufe hallen über den Marktplatz.

Die Kanzlerin, aus dem Konzept gebracht, muss nun selbst grinsen. Viel mehr als ein spöttisches "Ja, Ja" fällt ihr zu den Krakeelern nicht ein.

Aber lustig ist die Situation natürlich nicht, schon gar nicht für die CDU. Wie überall in Deutschland wird auch an der Parteibasis in Mecklenburg-Vorpommern die Euro-Debatte "sehr kritisch" wahrgenommen, wie die Schweriner Wahlkreiskandidatin Dorin Müthel-Brenncke bestätigt. Die "Leute hier haben eigene Probleme" – und wenig am Hut mit den Schulden der Griechen und Portugiesen. Ein Rentner unter den Zuhörern sagt,  Deutschland müsse aufpassen, nicht in einen "europäischen Schuldenstrudel" zu geraten.

Schwerin als Vorbild für Brüssel

Genau diesen Sorgen will Merkel entgegentreten. Ihre Antwort auf die Brüsseler Probleme lautet: Mecklenburg-Vorpommern. Die jüngste Entwicklung des Bundeslandes, das Schulden und Arbeitslosigkeit abgebaut hat, dient der Kanzlerin als Exempel für das, was sie mit Europa vorhat: Nur wer künftig "besser" wirtschafte, so "wie das in Mecklenburg-Vorpommern der Fall war", der bekomme auch weiterhin die Unterstützung der europäischen Gemeinschaft. Wer allerdings seine "Hausaufgaben" nicht mache, der bekomme auch keine "Unterstützung".

Merkel klingt eher nach strenger Klassenlehrerin als nach einer Hasardeurin, die leichtfertig Geld verschleudert oder an bestehenden Institutionen rüttelt: Kein Wort verliert sie zu den " Vereinigten Staaten von Europa "; auch sonst kaum ein Satz, der sich als explizites Bekenntnis für eine engere Zusammenarbeit der EU-Staaten werten lässt. Am Wochenende hatten Merkels stellvertretende Parteichefs sich in diese Richtung geäußert. Und waren prompt kritisiert worden - von der Schwesterpartei, die einen Verlust der nationalen Souveränität fürchtet.