ZEIT ONLINE: Herr Faas, wie wählen Arbeitslose? Lässt sich das auf eine prägnante Formel bringen? Etwa so: Weniger, wechselhafter, extremer?

Thorsten Faas: Die Vermutungen sind nicht falsch, aber sie treffen in unterschiedlichem Ausmaß zu. Am deutlichsten ist der Effekt, dass Arbeitslose im Vergleich zu Erwerbstätigen seltener wählen. Wir wissen seit Langem, dass mit dem Einkommen die Wahlbeteiligung steigt und umgekehrt. Aber mehr noch: Mit der Arbeitslosigkeit geht auch die gesellschaftliche Integration zurück, am Arbeitsplatz und darüber hinaus. Dadurch fehlen wichtige Impulse zur Wahlteilnahme aus dem unmittelbaren Lebensumfeld, die Betroffenen ziehen sich eher zurück.

ZEIT ONLINE: Und wie wählen die Arbeitslosen, die dennoch wählen gehen?

Faas: Da muss man genauer auf die Umstände einer Wahl achten. Regiert eine bürgerliche Regierung, dann wechseln die Arbeitslosen oft eher zu linken Parteien. Wenn dagegen eine linke Regierung an der Macht ist, bringen die Betroffenen eher ihren Protest zum Ausdruck. Dass jedenfalls Arbeitslose automatisch extrem wählen, kann man so pauschal nicht sagen. Das stimmte schon mit Blick auf die Weimarer Republik nicht.

ZEIT ONLINE: Nicht unbedingt automatisch. Aber ein Jobverlust kann schon die politische Einstellung verändern, oder?

Faas: Das schon. Arbeitslosigkeit ist ein extrem einschneidendes biographisches Ereignis. Es gibt Hinweise, dass sie dauerhaft die Lebenszufriedenheit der Betroffenen reduziert, dabei gilt diese eigentlich als sehr stabiles Persönlichkeitsmerkmal. Das hat auch politische Konsequenzen. Üblicherweise fühlen sich viele Menschen in Deutschland über lange Zeit hinweg einer Partei verbunden, quasi als Teil ihrer politischen Identität. Aber auch diese Verbindung wird durch Arbeitslosigkeit gestört. Das Wahlverhalten wird beweglicher.

ZEIT ONLINE: Gibt es eine Partei in Deutschland, der die Arbeitslosen bevorzugt vertrauen? Etwa die Linke, schließlich vertritt sie ihre Interessen am ehesten?

Faas: Oft sehen Arbeitslose nichts Politisches in ihrer Arbeitslosigkeit, sondern geben sich selbst die Schuld. Das senkt ebenfalls die Motivation, sich zu engagieren. Man darf auch nicht vergessen, dass das politische Angebot für Arbeitslose zwischenzeitlich nicht attraktiv war. Gerade in dieser Gruppe hat die Agenda-Politik der Regierung Schröder nachhaltig zu tiefer Enttäuschung, ja zu Entfremdung geführt. Eine Situation, die dann die Linkspartei durchaus erfolgreich nutzen konnte.