Es ist mühsam, Martin Sonneborn zu interviewen. Ins Café Hackbarth’s in Mitte hat er eine Parteifreundin mitgebracht. "Maike", sagt er, "du siehst aus. Ich rede." Sonneborn hat die Hände hinterm Rücken verschränkt, er wackelt beim Stehen, wippt auf die Zehen. Er wirkt gediegen in dieser seltsamen Chorknabenhaltung. Er ist schwer einzuordnen, weil er einerseits Chefredakteur der Titanic war, dem in der Linken verwurzelten Satiremagazin. Andererseits ist er Außenreporter bei der "heute-show" von Oliver Welke, der für nichts anderes steht als für Fußballkommentare und mäßige Witze.

"In der ,Partei‘ ist es traditionell so, dass die Männer reden und die Frauen aussehen", sagt Sonneborn, während sich die beiden setzen.

Als man seine Begleiterin dann doch kurz fragt, seit wann sie dabei sei, antwortet sie: "Es war ein Monat, ein Tag, eine Uhrzeit."

Das Gespräch fließt zäh, weil nie klar ist, was ernst gemeint ist und was lustig. Wann Sonneborn als Chef der Partei "Die Partei" spricht, die in Berlin zu den Wahlen antritt, und wann er selbst, der Erfinder der Figur des machtfixierten Politikers. Den spielt er seit sieben Jahren, aber erst in diesem uninspirierten Berliner Wahlkampf hat er ein Kontrastmittel gefunden, um auch jenseits der Titanic -Kreise sichtbar zu werden. "Die Partei" hat beispielsweise die Plakate der NPD überklebt, die vor dem Jüdischen Museum aufgehängt waren. Der Rechten-Chef Udo Voigt war darauf auf einem Motorrad abgebildet, dazu der Slogan "Gas geben" .

Ein Bezirksamt hatte gegen die Plakate geklagt. Doch ein Gericht stufte sie als nicht "volksverhetzend" ein. "Die Partei" ersetzte Voigt durch Haider und das Motorrad durch ein Foto des Wracks von Haiders Phaeton, mit dem er sich totfuhr. Der Slogan blieb gleich. Als "Die Partei" anschließend die Haider-Plakate verkaufte, kauften Mitarbeiter des Jüdischen Museums zwanzig Stück.

Krawallsatire nannte die Frankfurter Rundschau einmal, was Sonneborn macht. Eine Mischung aus Verkleidungstheater, Telefonstreich und versteckter Kamera. Schon bei der Titanic , einem Heft mit einer literarischen Humortradition, profilierte er sich nicht als Schreiber, sondern als Aktionist. In den Hoch-Zeiten der Parteispendeaffäre hat er einen Praktikanten bei der CDU anrufen lassen: Er sei von der Credit Suisse, ein weiteres Schwarzgeldkonto sei aufgetaucht. Der Parlamentarische Geschäftsführer und der Bundesgeschäftsführer reisten persönlich nach Luzern. Doch da stand nur Sonneborn. Und ein Fotograf.

"Es gibt so viele unangenehme Gestalten in der Politik, 80 Prozent", sagt Sonneborn. Und wenn er dabei besorgt schaut, liegt es nur daran, dass er das zweifellos ernst meint und aus Erfahrung weiß, dass der echte Sonneborn viel weniger komisch ist als der "Partei"-Politiker. Christoph Schlingensief verfolgte Ende der 90er ein in Ansätzen ähnliches Projekt: "Chance 2000". Er wollte unter anderem mit Tausenden Arbeitslosen im Wolfgangsee baden, um den dort urlaubenden Helmut Kohl zu überschwemmen. Schlingensief erschien damals sehr empört, Sonneborn wirkt abgeklärt. Die Haltungen spiegeln den Ansehensverlust des Politischen im letzten Jahrzehnt wieder.

Ein Wahlkampf, der kein Thema findet. Parteien, die den Eindruck machen, noch nicht einmal ein Thema suchen zu wollen. So stellt sich das Politische in diesen Wochen in Berlin dar. Eine Herausforderin, deren ungelenkes Bemühen, die Rolle der Regierenden Bürgermeisterin zu erlernen, in den Zeitungen hinlänglich beschrieben wird. Ein ideales Umfeld für jemanden wie Sonneborn, der die Rolle des Bürgermeisterkandidaten offensiv spielt. Im grauen Anzug von C & A für 49 Euro steht er im Studio des RBB, in der die Vertreter der 13 kleinen Parteien befragt werden. "Vielen Dank für ihre Frage", beginnt Sonneborn das RBB-Interview, "ich möchte erst einmal eine andere beantworten." Die Schüler, die als Studiopublikum geladen sind, lachen laut. Sie sind Talkshow-geschult.