Renate Künast ist gerade mitten in ihrer Dankesrede, da springt Landes-Fraktionschef Volker Ratzmann übermütig auf die Bühne im Festsaal Kreuzberg. Er stellt sich genau neben die Spitzenkandidatin der Berliner Grünen und lässt sich von der Menge ordentlich bejubeln. "Hallo Volker", sagt Künast und guckt verwirrt. Es dauert nur kurz, dann hat sie ihre Fassung zurück und setzt mit dem Koalitionsappell an die "befreundete Konkurrenz" von der SPD fort. Doch es hört ihr kaum noch jemand zu.

Diese kleine Begebenheit auf der Wahlparty der Berliner Grünen zeigt: Seit Sonntagabend, 18.00 Uhr , ist Renate Künast Geschichte für die Landespartei. Sie interessiert nicht mehr. Ratzmann, der als ehrgeizig gilt, könnte mit ein bisschen Glück bald Senator sein. Die grüne Kandidatin jedoch wird in die Bundespolitik zurückkehren – mehr oder weniger beschädigt.

Unter der Marke von 18 Prozent sind die Grünen bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus geblieben. Vor fast einem Jahr lag die Partei noch bei 30 Prozent, und Künast war wohl nur deshalb zum Duell gegen Amtsinhaber Klaus Wowereit angetreten: Sie wollte nichts anderes als erste grüne Regierende Bürgermeisterin werden, und die Chancen, Wowereit vorzuführen, standen damals nicht schlecht.

Nun steht die 55-Jährige vor den Scherben ihrer Kandidatur. Knapp die Hälfte der potenziellen Wähler von damals hat der Partei an diesem Wahltag den Rücken zugewandt – das ist vor allem eine persönliche Niederlage für die ehemalige Verbraucherschutzministerin.

Viele hier im Saal glauben, dass der verpatzte Wahlkampf vor allem auf Künast, ihre taktischen Fehler und ihre manchmal etwas herbe Art zurückzuführen ist. Doch als sie eine halbe Stunde nach den ersten enttäuschenden Prognosen die Bühne betritt, wird sie brav beklatscht und bejubelt. "Ihr seid ja süß", freut sich Künast, als habe sie das selbst nicht erwartet.

Sind die Stammwähler zur Piratenpartei abgewandert?

Sobald die Live-Schalten in die Fernsehstudios vorbei sind, macht sich Unmut breit. Es herrscht eine aggressive Grundstimmung im Festsaal. Der ist nämlich viel zu voll, die Luft ist schlecht, es geht nicht vor und zurück. "Ist ja schrecklich hier", sagt eine Grüne zu ihrem Begleiter. Draußen, im strömenden Regen, warten angeblich weitere 150 Grünen-Anhänger, sie passen nicht mehr rein.

Im Saal hat bereits nach der ersten Wahlprognose um kurz nach sechs Uhr die Problemanalyse begonnen. Da hilft es auch nicht, dass die Grünen trotz allem ihr seit jeher bestes Ergebnis in Berlin erreicht haben. An diesem Abend wird nur über verlorene Wähler und vertane Chancen geredet: "Uns hängt Künasts missverstandene Tempo-30-Äußerung nach", glaubt die Charlottenburger Direktkandidatin Sibylle Centgraf.

Entsetzt sind die Anhänger aber vor allem über das fulminante Ergebnis der Piratenpartei. Aus dem Stand hat sie 15 Sitze im Abgeordnetenhaus errungen, die Grünen haben nur 14 mehr. "Da sind unsere Stammwähler hin", ruft Centgraf sorgenvoll, "gerade die unangepassten Berliner, die wollten was Frisches. Wir sind für die schon zu etabliert."