Bei dieser angespannten Gefühlshaushaltspolitik kann schon einmal etwas rausrutschen. Natürlich ging es wieder um die Rettung des Euro, natürlich ging es wieder um Griechenland und natürlich kann da im Bundestag in diesen Tagen niemand mehr still sitzen. Und vor allem nicht Rainer Brüderle, der zu der seltenen Sorte Politiker gehört, die selbst beim Nasebohren auf Öl stoßen. Also wandte er sich dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel zu und nannte ihn, kraft deutscher Wortkombinatorik, einen Sirtaki-Siggi.

Bevor wir uns über die tiefere Bedeutung dieser Neuschöpfung erhitzen, wenden wir uns lieber dem Tanz als solchen zu, der in den schönen Künsten zu Unrecht oft einen nachrangigen Stellenwert einnimmt. Das gilt auch für die Bundespolitik, wo doch eindeutig Potenzial herumsitzt: Neben Sirtaki-Siggi und Rumba-Rainer auch der Cha-Cha-Scharping, Mazurka-Maizière wie Limbo-Lindner, der Westerwalzer und der Grüne Jive-Jürgen, während sich Kristina Schröder und Peter Ramsauer noch über Damen- oder Herrenwahl in die Wolle kriegen.

Dann geht sie los, die Politikerpolonaise, die wirklich die Grenze des guten Geschmacks überschreitet, als jemand im Wortspieleifer ausruft: Euro-Bondage! Und wer sich in diesem Tumult überhaupt noch besinnen kann, tut es vielleicht auf den österreichischen Schriftsteller Peter Altenberg, der schon 1918 zu Tanz und Rainer Brüderle notierte: "Wie man das Bein hebt, darauf kommt es an."

In einer vorherigen Version dieses Artikels wurde Rainer Brüderle irrtümlich als FDP-Vorsitzender bezeichnet. Brüderle ist Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion.