Mehr Sorgen als die nominelle Opposition bereitet dem Regierungslager derzeit die in den eigenen Reihen. "Nein"-Sager Wolfgang Bosbach war am Donnerstag ein gefragter Interview-Partner im Reichstagsfoyer. Er klagte über "subtile Überzeugungsversuche" durch die Fraktionsführung und darüber, dass er nach dem ganzen Hickhack und der bösen Nachrede gar nicht mehr wisse, ob er beim nächsten Mal wieder zum Bundestag kandidieren wolle.

Auch im Saal kamen die EFSF-Gegner zu Wort. Frank Schäffler von der FDP hatte sich viel vorgenommen. Er zitierte diverse Philosophen, als er die gebrochenen Versprechen der Regierung auflistete. Aber er selbst ist kein großer Redner. Applaus erntete er eben so wenig wie Klaus-Peter Willsch von der CDU. Dieser warnte eindringlich davor, "übermäßige Schulden" mit "immer neuen Schulden" zu begegnen. Sein Gewissen verbiete ihm eine Zustimmung heute.

Den Reden Willschs und Schäfflers war ein heftiger Streit in den Fraktionen vorausgegangen: Sie wurden ausdrücklich als einzelne Abgeordnete und nicht als Fraktionszugehörige aufgerufen.

Unten in der Lobby ärgerte sich Unions-Fraktionschef Kauder laut vor Journalisten, dass die Euro-Abweichler ans Mikrophon gelassen wurden. "Die Entscheidung war falsch", sagte er in Richtung Bundestagspräsident Lammert. Da könne künftig ja jeder der 620 Abgeordneten einfach spontan in Sitzungen reden wollen. Auch aus der FDP-Fraktion hieß es, über den Auftritt des Abgeordneten Schäffler sei zuvor niemand informiert gewesen.

Kaum einer glaubt, dass das Zittern nun vorbei ist

Heimlich teilen allerdings viele Abgeordnete auch in den Regierungsfraktionen die Skepsis der Euro-Gegner. Fast jeder befürchtet, dass die Euro-Krise nicht so bald vorbei sein wird. Keiner kann absehen, wie es weitergeht. Selbst Steinbrück sprach im Plenum von einem "Fortsetzungsroman".

Beunruhigt sind die Abgeordneten von Opposition und Regierung gleichermaßen über Gerüchte, wonach der gerade beschlossene EFSF eine Hebelfunktion für weitere Finanzspritzen erhalten könnte. Finanzminister Wolfgang Schäuble wies dies im Bundestag einmal mehr zurück. Jede Verdächtigung sei "unangemessen". Doch so wirklich glaubt ihm kaum jemand.

CSU-Europapolitiker Thomas Silberhorn ist jedenfalls schon fast apokalyptisch gestimmt. "Wir werden schnell erkennen, dass der EFSF nicht ausreichend wirksam sein kann", sagt er ZEIT ONLINE nach der Debatte. Die Finanzhilfen für Griechenland, über die der Bundestag im Oktober abstimmen soll, machten alles nur noch schlimmer: "Es ist objektiv unmöglich, dass das Land seine Schulden jemals zurückzahlen kann."

Silberhorn hat gegen den EFSF gestimmt. Er ist somit im Club mit Bosbach, Schäffler, zwei Rot-Grünen – und sämtlichen Abgeordneten der Linkspartei, sofern sie anwesend waren.

Der CSU-Politiker fordert, ein überschuldetes Land müsse auch aus der Eurozone ausscheiden können. Das Zeitungs-Interview , das von seinem Parteichef am Morgen pünktlich zur Abstimmung erschienen ist, hat er am Mittag nur zur Hälfte gelesen. Doch der Inhalt wird ihm gefallen. "Wir als CSU setzen Stoppschilder", sagt Seehofer darin. Und dass die Rettungsschirme nicht beliebig erweitert werden dürften.

Der EFSF, alle ahnen es hier, war nur der Anfang einer weiteren Etappe. Niemand, auch die Kanzlerin nicht, weiß, wie es ausgeht. Vielleicht war das der Grund dafür, dass sie sich am Donnerstag mit Siegesgesten zurückgehalten hat.