Sie hatten ein Hupkonzert geplant, doch das ist von der Polizei verboten worden. Die Jungen Liberalen haben dennoch nicht aufgegeben: Sie stehen mitten auf einer sechsspurigen Ausfallstraße im Osten Berlins. Auf dem Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen halten sie tapfer ihre Wahlkampf-Plakate hoch. "Kriechst Du noch oder fährst Du schon?", steht darauf. Und: "30 ist kein Tempo". Links und rechts rasen Autos und Lkw vorbei. Der Lärm ist ohrenbetäubend.

FDP-Spitzenkandidat Christoph Meyer ist auch da. Der 36-Jährige verschwindet fast hinter einem der Plakate, die gegen die angebliche Forderung von Grünen-Kandidatin Renate Künast protestieren, überall in der Stadt Tempo 30 einzuführen . Die Grünen betonen zwar, dass sie für mehrspurige Hauptstraßen wie dem Adlergestell, wo die liberalen Aktivisten an diesem Tag stehen, eine Ausnahme machen wollen. Doch die FDP interessiert das wenig: Sie braucht jede Stimme – und macht deshalb Wahlkampf um die Autofahrer. Auf dem Schild "Hupen gegen Tempo 30" haben die Jungliberalen nach dem polizeilichen Verbot schnell noch das erste Wort durchgestrichen.

"Wir wollen keine Benachteiligung einzelner Verkehrsarten", sagt Spitzenkandidat Meyer. Er ist sich sicher: Sollten die Grünen in Berlin in Regierungsverantwortung kommen, würden sie bald auch auf großen Straßen den Verkehr gewaltsam bremsen. Daher zeige sich seine Partei solidarisch mit den Autofahrern. Sie haben sich einen der tristeren Orte Berlins dafür ausgesucht. Der herbstliche Sturm bläst hier noch stärker als in der Innenstadt und zerzaust die Haare der Umherstehenden.

"Wir Liberale sind Optimisten"

Der Wahlkampf, so viel ist sicher, ist gerade sehr ungemütlich für die Liberalen. Auch wenn ein paar Autofahrer sich heute bei der nur zehn Minuten dauernden Aktion erkenntlich zeigen – und tatsächlich hupen.

Spitzenkandidat Meyer glaubt, dass seine Partei trotz Westerwelle und Mecklenburg-Vorpommern-Debakel am 18. September doch noch den Einzug ins Berliner Abgeordnetenhaus schaffen könnte. Die letzten Umfragen sahen die FDP bei drei bis vier Prozent. "Wir Liberale sind Optimisten", ruft Meyer gegen den Verkehrslärm an: 12.000 Stimmen fehlten derzeit zur Fünf-Prozent-Hürde. In Berlin gibt es insgesamt 2,48 Millionen Wahlberechtigte.

"Wir hoffen auf die noch unentschlossenen Wähler, die haben schon bei der Bundestagswahl für uns gestimmt", sagt Meyer, der Fraktionsvorsitzender im Abgeordnetenhaus ist. Nach der Wahlkampf-Aktion ist er zu einer Tankstelle am Straßenrand zurückgekehrt, dort steht sein Dienstwagen. Meyer ist dezent schick gekleidet, er trägt Jeans, weißes Hemd und dunkles Sakko. Mit seinem Outfit könnte er auch gut selbstständiger Architekt oder Werbeagentur-Mitarbeiter sein.

"Yuppie-Boygroup" schimpfte CDU-Kandidat Frank Henkel die Berliner FDP in einem Interview. Meyer nimmt das als Kompliment. "Young Urban Professionals", das passe doch: Gerade für die gut verdienenden, hart arbeitenden und karrierebewussten jungen Städter wolle seine Partei da sein.

Auf den aggressiv grellgelben Plakaten bezeichnet sie sich zwar als "Neue FDP", doch die Forderungen sind noch die aus Westerwelles Zeiten. Meyer bestätigt das: "Der Landesverband hat sich personell neu aufgestellt, das wollten wir mit den Plakaten zum Ausdruck bringen."