Zum Auftakt seines Staatsbesuchs in Deutschland hat der türkische Präsident Abdullah Gül den Wunsch nach einem EU-Beitritt der Türkei bekräftigt. "Von diesem strategischen Ziel werden wir nicht abrücken", sagte Gül auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundespräsident Christian Wulff.

Die Formulierung "strategische Partnerschaf", die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) der Türkei angeboten hat, lehnte Gül ab. Die Türkei müsse die Chance erhalten, die ins Stocken geratenen Verhandlungen mit der EU erfolgreich abzuschließen. Bundespräsident Wulff sprach von "fairen und ergebnisoffenen Beitrittsverhandlungen". Deutschland habe hier eher eine Vermittlerrolle und sei nicht besonders kritisch gegenüber dem türkischen EU-Beitritt. "Die Türkei muss sich anstrengen, Europa aber auch", sagte Wulff.



Auch die politischen Umbrüche in der arabischen Welt wurden thematisiert. Wulff hob die gewachsene internationale Verantwortung der Türkei hervor und forderte, die Veränderungen in der arabischen Welt als Chance zu begreifen. Die Türkei könne mit ihrer Verbindung von Pluralismus und Islam Vorbild sein für arabische und nordafrikanische Länder. Gül hatte zuvor gesagt, dass sich das Ansehen seines Landes in Europa erhöht habe. Er führte das auf den Wirtschaftsboom und den politischen Aufstieg der Türkei in Nahost zurück. In einem Artikel der New York Times hatte Gül angekündigt, die Beziehungen zu Ägypten zu intensivieren und eine demokratische Achse zu bilden.

Deutsch-türkische Zusammenarbeit intensivieren

Die Beziehung ihrer Länder sei eng und freundschaftlich, ließen Gül und Wulff wissen. Ihre Zusammenarbeit wollen sie intensivieren. Am Vormittag hatten die Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Mehmet Simsek im Beisein der beiden Staatsoberhäupter ein neues Doppelbesteuerungsabkommen unterzeichnet. Damit würde der Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder weiter beschleunigt, sagte Gül.

Zuvor war Gül vor dem Schloss Bellevue mit militärischen Ehren empfangen worden und hatte eine Berliner Schulklasse mit zahlreichen türkischstämmigen Schülern begrüßt. 

Der türkische Präsident wird im Laufe des Tages Bundestagspräsident Norbert Lammert, Außenminister Guido Westerwelle und den Regierenden Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit treffen. Am Abend spricht er in der Berliner Humboldt-Universität über die Türkei und ihre Rolle in Europa. Am Dienstag trifft Gül mit Kanzlerin Merkel zusammen.