ZEIT ONLINE: Herr Sellering, wir sitzen hier in einem Rostocker Café – und viele Menschen kommen und grüßen Sie freundlich. Ihre Popularitätswerte sind hoch. Wie haben Sie das als Wessi geschafft? Eigentlich gelten die Mecklenburger und Vorpommern doch als etwas spröde und wenig zugänglich.

Erwin Sellering: Also mir war die Mentalität hier nie fremd. Ich komme aus dem Ruhrgebiet, ein Schmelztiegel für alle Menschen, auch für viele aus Pommern. Aber unabhängig davon sind mir die Menschen hier einfach nahe. Ich komme leicht ins Gespräch. Dass die Mecklenburger und Vorpommern besonders zurückhaltend sind, entspricht nicht meiner Wahrnehmung. Sicher trägt man hier das Herz nicht so sehr auf der Zunge. Aber es wird geschätzt, wenn man verlässlich ist und sich engagiert.

ZEIT ONLINE: In der Presse werden Sie schon als "Ossi-Versteher" bezeichnet. Gefällt Ihnen das Attribut?

Sellering: Ich distanziere mich nicht davon. Als Ministerpräsident sollte man ein offenes Ohr für die Menschen haben. Und wenn die Menschen sich verstanden fühlen, umso besser. Ich störe mich allenfalls an dem Wort "Ossi" - "Ost" wäre besser - nicht an dem "Versteher".

ZEIT ONLINE: Ihre Äußerung, dass die DDR kein "totaler Unrechtsstaat" war, hat jedenfalls vielen Ihrer Wähler gefallen.

Sellering: Diese Debatte ist überfällig und muss mit großem Ernst geführt werden. Die DDR war kein Rechtsstaat, überhaupt keine Frage. Aber das Etikett "Unrechtsstaat" zielt darauf ab, die DDR insgesamt abzustempeln. Man sagt damit nicht nur: Es gab schweres staatliches Unrecht. Sondern man sagt damit auch: In diesem Staat gab es nicht das kleinste bisschen Gutes. Das wertet die Lebensleistungen aller Menschen ab, die weder Täter noch Opfer waren. Millionen Menschen haben versucht und es auch geschafft, unter schwierigsten Bedingungen etwas Gutes aus ihrem Leben zu machen. Nicht nur im Privatleben, sondern auch in Beruf und Gesellschaft. Mir geht es bei dieser Debatte nicht so sehr um die geschichtliche Bewertung der DDR, sondern um das Zusammenwachsen von Ost und West heute. Und da gibt es vielfach eine moralisch überhebliche Sicht aus dem Westen. Das ist falsch, weil man dann beim Zusammenwachsen nur darauf schaut, was der Westen mitbringt.

ZEIT ONLINE: Aber relativiert man so nicht die Lebensleistung der Widerständler und DDR-Gegner? Diesen ist die Feststellung durchaus wichtig, dass die DDR ein "Unrechtsstaat" war.

Sellering: Mich wundert, warum man auf diesem Etikett beharrt. Warum es nicht reicht zu sagen, dass hier staatliches Unrecht begangen worden ist. Ich glaube, das zielt einfach darauf ab, zu sagen: Wir sind die Guten – und bei euch war alles Mist. Und über die Sachen, die ihr im Osten entwickelt habt, da denken wir gar nicht drüber nach.

ZEIT ONLINE: Zu Ihren hohen Popularitätswerten mag auch Ihre Regierungsbilanz beigetragen haben. Die Arbeitslosigkeit schrumpft, die Wirtschaft wächst. Aber wie hoch ist daran überhaupt der Anteil der SPD? Die CDU reklamiert, der Aufschwung beruhe darauf, dass nun statt der Linken sie selbst mitregiere. Auch das Abklingen der Wirtschaftskrise spielt eine Rolle...

Sellering: Also, die SPD stellt in Mecklenburg-Vorpommern seit 1998 den Ministerpräsidenten. Wir fahren seit 13 Jahren einen sozialdemokratischen Kurs. Acht Jahre haben wir die Linken mitgenommen und fünf Jahre die CDU. Aber es ist unser Kurs. Die Erfolge sind sichtbarer geworden in den letzten fünf Jahren. Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Unter anderem davon, dass man erst säen muss, bevor man erntet. Dass Mecklenburg-Vorpommern heute keine Schulden mehr macht, liegt daran, dass wir schon Ende der neunziger Jahre eine sehr solide Finanzpolitik eingeleitet haben. Wir haben das Landespersonal um ein Viertel abgebaut, und zwar sozialverträglich. Aber so ein Prozess dauert natürlich.