Peer Steinbrück beginnt kokett. Er müsse "all jene enttäuschen", die auf versteckte Signale hoffen und daher seine Sätze und Körperregungen "dekodieren" wollten. Der Ex-Finanzminister steht hinter einem Pult der Landesvertretung von Baden-Württemberg in Berlin. Als Gastredner soll er zur Finanzkrise sprechen. Aber die erste Botschaft, die Steinbrück aussendet, ist in eigener Sache: Zu einer möglichen Kanzlerkandidatur werde er schweigen.

Steinbrück gefällt dieses Nicht-Äußern. Er zelebriert es. Journalisten, die ihm etwas zur K-Frage entlocken wollte, lässt er stets kunstvoll auflaufen. Dabei redet Steinbrück durchaus gern über sich. An diesem Tag sagt er beispielsweise, dass er keine "Cassandra" sei, kein "Populist" und auch kein "Polemiker".

Also, was ist Steinbrück dann? Auf jeden Fall ein gefragter Redner. Wie er da vor den baden-württembergischen Honoratioren wortgewandt über Ursachen und Folgen der Finanzkrise spricht, kann man ihn sich gut als elder statesman vorstellen. Als einen, der kein Spitzenamt mehr ausübt, der ausgeruht und erfahren ist und nicht mehr in der Kritik steht. Viele Ex-Politiker verdienen gut daran, illustren Runden zum Amuse-Gueule die Welt zu erklären.

"Wir müssen uns eingestehen, dass Griechenland bankrott ist"

Allerdings, dafür ist Steinbrück politisch noch viel zu aktiv. Besonders seit dem Ende der diesjährigen Sommerpause: Hatte er die ersten zwei Jahre als einfacher Oppositions-Abgeordneter unter Schwarz-Gelb nur eine Rede im Bundestag gehalten und sich auf seine Publikationen konzentriert, rückt er nun wieder ins Zentrum des Geschehens. In der Generaldebatte des Bundestags am Dienstag lieferte er sich mit Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) ein hitziges Gefecht. Danach hielt er in der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Grundsatzrede. Auch an diesem Donnerstagabend hat er zwei öffentliche Termine. "Warmlaufen" nennt man das: auftreten, sich im Gespräch halten, Chancen ausloten. Umfragen zeigen schließlich, dass Steinbrück populärer denn je ist.

Bei seinen Auftritten zur Finanzkrise bietet Steinbrück eine fundierte Problemanalyse – und konkrete Lösungsangebote. Dabei scheut er sich nicht vor "harten Wahrheiten", wie er es nennt: "Wir müssen uns eingestehen, dass Griechenland bankrott ist." Er wirbt für sein Konzept des Schuldenschnitts , das er im Sommer mit der SPD-Führung vorgestellt hat: Die Gläubiger sollten auf ihre Forderungen verzichten, nur so könne Griechenland sich erholen und ein "Dominoeffekt" in weiteren EU-Staaten verhindert werden.

De facto habe sich die EU doch längst zu dem entwickelt, wovor besonders Union und FDP noch warnen: zu einer "Transferunion" und einer "Haftungsgemeinschaft". Aufgabe der Politik müsste es also sein, "Europa besser zu erklären" und zu versuchen, den Staatenbund aktiv "voranzubringen".

Europa erklären, Steinbrück versucht das am gleichen Abend noch einmal in der jüdischen Gemeinde in Berlin-Mitte. Die örtliche SPD hat zu einer Diskussionsrunde im Landtagswahlkampf geladen. Wieder geht es um die Finanzkrise, wieder ist Steinbrück der Stargast. Zur Begrüßung erhält er einen langen, lauten Applaus. Der Saal ist voll. Während seines Vortrags herrscht konzentrierte Ruhe.