Es ist noch gar nicht lange her, da galt Gerhard Papke als einer der schärfsten Kritiker der rot-grünen Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfalen. Keine Gelegenheit ließ der Fraktionschef der FDP aus, um mit der Koalition um Ministerpräsidentin Hannelore Kraft abzurechnen. Besonders gern zerpflückte er ihre Haushaltspolitik.

Die Anti-Strategie war Programm. Ebenso wie die CDU hatte auch die FDP jegliche Zusammenarbeit mit der Minderheitsregierung abgelehnt: "Diesem spätsozialistischen Feldversuch wird die FDP mit allem Nachdruck als wirksame Opposition entgegentreten. Wir sind nicht die Reserveeinheit für ein brandgefährliches Regierungsexperiment mit kommunistischen Verfassungsgegnern." So hatte es Papke im Juli 2010 angekündigt

Umso überraschender sind die Töne, die Papke jetzt anschlägt. Gleich dreimal innerhalb von wenigen Tagen verhalf er der Minderheitsregierung zu einer Mehrheit im Parlament: Die FDP-Fraktion stimmte gemeinsam mit SPD und Grünen für ein Schienenbauprojekt, gab grundsätzlich grünes Licht für den Stärkungspakt Stadtfinanzen, der die am schlimmsten verschuldeten Kommunen des Landes stützen soll, und zeigte sich sogar beim Haushalt 2012 gesprächsbereit. "Unser Selbstverständnis ist das einer klaren, aber konstruktiven Opposition", erklärte Papke gestern auf einer Pressekonferenz den neuen Kurs seiner Partei.

Woher kommt dieser Wandel? War es nicht Papke, der nach der Landtagswahl die Sondierungsgespräche mit SPD und Grünen fast im Alleingang scheitern ließ. Wurde nicht Papke parteiintern gerne der "Grünen-Fresser" genannt? Es sei vor allem Angst vor Neuwahlen , die ihn dazu antreibe, glauben Beobachter wie der Bonner Politikwissenschaftler Volker Kronenberg. "Die Frage des Haushalts und damit auch der Neuwahlen schweben wie ein Damoklesschwert über allem." Nachdem die Liberalen 2011 aus fünf Landtagen flogen, wollten sie Neuwahlen in Nordrhein-Westfalen in jedem Fall verhindern.

Schwarz-gelber Schlagabtausch

Von einigen Landtagskollegen muss die FDP-Fraktion sich deshalb Spott gefallen lassen. "Dass die FDP sich ausgerechnet beim Haushalt der rot-grünen Minderheitsregierung anbiedert, ist wirklich durch nichts zu erklären", sagte CDU-Politiker Armin Laschet ZEIT ONLINE. "Ich erwarte von der FDP, dass sie da nicht wackelt, sondern Kante zeigt." Seit Tagen liefern sich die einstigen Regierungspartner Laschet und Papke in Zeitungsinterviews einen öffentlichen Schlagabtausch und werfen sich gegenseitig vor, Rot-Grün den Hof zu machen. Denn auch die CDU hat bei einem wichtigen Thema in diesem Jahr im Parlament schon einmal die Hand gemeinsam mit SPD und Grünen gehoben: beim Schulkonsens. Und bereits im März hatte Laschet seine Fraktion für eine große Koalition ins Spiel gebracht, sollte die aktuelle Regierung am Haushalt scheitern . Und so tönte Papke gestern erneut: "Einigen CDU-Politikern schwitzt die Sehnsucht nach einer großen Koalition doch aus allen Poren!"

Politikwissenschaftler Kronenberg vermutet jedoch, dass hinter dem Kursschwenk der FDP noch mehr steckt, als nur die Angst vor Neuwahlen. Er sieht NRW als "koalitionspolitisches Laboratorium": Die Liberalen, vor allem um Generalsekretär Christian Lindner und Gesundheitsminister Daniel Bahr, hätten seit Längerem ein Interesse, ihre Fühler nach neuen Koalitionspartnern auszustrecken. Schließlich will es auch auf Bundesebene mit Schwarz-Gelb nicht mehr richtig klappen, wie die koalitionsinternen Reaktionen auf den Vorstoß von FDP-Chef Rösler zu einer möglichen Insolvenz Griechenlands zeigen. "In NRW kann man die entsprechenden Signale aussenden", so Kronenberg. "Was hier passiert, hat immer bundespolitische Relevanz."