ZEIT ONLINE: Herr Ramelow, die Linke hat in den vergangenen Monaten vor allem durch Streit auf sich aufmerksam gemacht. An diesem Wochenende will sie nun in Erfurt ihr Programm beschließen. Sind Sie zuversichtlich, dass Ihre Partei das Delegiertentreffen ohne größere Querelen übersteht?

Bodo Ramelow: Eindeutig ja! Klaus Ernst und Gesine Lötzsch haben die Vorbereitungen im Parteivorstand bravourös geleitet. Alle strittigen Fragen wurden gemeinsam bearbeitet. Der jetzt vorliegende Programmentwurf des Parteivorstandes ist also eine ausgewogene Grundlage für die Parteibasis.

ZEIT ONLINE: Monatelang gab es Streit zwischen Realos und Antikapitalisten um die Ausrichtung des Programms. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Basis weitere regierungsskeptische Positionen ins Programm hineinstimmen wird?

Ramelow: Wir haben ein Jahr lang über das Programm diskutiert, wir haben uns ein Jahr lang den Luxus einer öffentlichen Kakophonie erlaubt. Es war notwendig, das die Partei sich mit diesen teilweise auch skurrilen Debatten auseinandergesetzt hat. Jetzt geht es um eine ganz einfache Frage: Wollen wir mit unserer Partei die gesellschaftliche Diskussion, die Gesellschaft nach links verschieben oder genügen wir uns damit, nur unsere Partei weiter nach links zu verschieben. Wir sind gut beraten, die Hauptlinien des Programms auf dem Parteitag nicht erneut zu diskutieren.

ZEIT ONLINE: Welches sind für Sie die wichtigsten Knackpunkte des Programms?

Ramelow: Zum Beispiel unser Verhältnis zu Europa und unsere Absage an militärische Interventionen...

ZEIT ONLINE: Wie lautet denn die konkrete Position der Linken zu Europa und zum Euro? 

Ramelow: Wir Linke sind eine pro-europäische Partei, wir sagen aber, die europäische Idee muss eine Idee der Menschen und nicht der Großbanken sein. Wir stehen für eine europäische Wirtschaftsregierung und zur demokratischen Legitimierung von Europa.

ZEIT ONLINE: Passt das dazu, dass die Linke im Bundestag gegen die Erweiterung des Euro-Rettungsschirms gestimmt hat?

Ramelow: Ja, das passt, weil dieser europäische Rettungsschirm im Kern nichts anderes ist als eine Banken-Rettungsaktion. Die Banken haben es geschickt geschafft, ihre unterdurchschnittlich ausgeprägte Eigenkapitalausstattung jetzt dem Steuerzahler aufzubürden. Das kann nicht sein.

ZEIT ONLINE: Warum aber kann die Linke nicht von der Finanzmarkt-kritischen Stimmung in der Bevölkerung profitieren? Warum wollten die Menschen am Wochenende keine Fahnen der Linkspartei auf ihren Anti-Bankenprotesten dulden?

Ramelow: Ach, das mit den Fahnen sehe ich gelassen. Wir sagen, diese Bewegung muss stärker und breiter  werden. Die Bewegung muss sich aber auch im Klaren sein, dass sie eine parlamentarische Mehrheit braucht, wenn sie die Finanzmarktarchitektur ändern will.

ZEIT ONLINE: Aber nochmal, warum hat die Linke in diesem Superwahljahr eigentlich nur verloren ?

Ramelow: Ein Problem war sicher, dass wir unsere Programmdebatte geführt haben. Schließlich ist es unser allererster Programmparteitag, da waren Diskussionen über die Ausrichtung der Partei vorprogrammiert. Aber man muss das auch allgemein betrachten: Alle Parteien verlieren in den Umfragen, Volksparteien mit absoluten Mehrheiten gibt es nicht mehr. Und die Piratenpartei schafft es aus dem Nichts auf neun Prozent. Das ist eine Krise der Parteien und wir sind ein Teil davon. Wir Linke müssen vermehrt unsere Stärken betonen: Wir sind eine Kümmererpartei, wir sind in den neuen Bundesländern sehr gut verankert. Dann gibt es noch einen weiteren Punkt. Die SPD hat uns in Sachsen-Anhalt, Thüringen und in Mecklenburg-Vorpommern eine Abfuhr erteilt. Sie schielt auf ein Bündnis mit den Grünen, obwohl die zum Teil schon eine grüne FDP sind.

ZEIT ONLINE:   Bleibt da nicht nur die Fundamentalopposition, wenn denn keiner mit Ihrer Partei koalieren will?

Ramelow: Nein, unsere Politik sollte an gesellschaftlichen Realitäten orientiert sein. Hier in Thüringen machen wir als Opposition konkrete Politik, die der CDU wehtut und die SPD dazu zwingt, darüber nachzudenken, ob sie manches nicht besser mit uns als mit der CDU umsetzen könnte.