Kommerzielle Politik-Berater und industrienahe Thinktanks wie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft haben im Politikbetrieb den Ruf der Verschwiegenheit und Intransparenz (siehe Teil 2. der Thinktank-Serie ). Ganz anders präsentieren sich die parteinahen Stiftungen, die vermutlich produktivsten, jedenfalls sichtbarsten Thinktanks in Deutschland. Kein Wunder: Sie sind staatlich finanziert. Die politische Bildung der Gesellschaft gehört zu ihren zentralen, vom Grundgesetz gewollten Aufgaben. Von den Steuergeldern, die sie erhalten, finanzieren sie ihre Stipendienprogramme, Kongresse, Zeitschriften und Studien. Je mehr Output, desto besser sind die Argumente bei der nächsten Etatverhandlung im Bundestag. Die Stiftungen haben Dependancen im Ausland und in den Bundesländern. Es sind ebenso breitflächige wie engmaschige Netzwerke, die von mehreren hundert Mitarbeitern in repräsentativen Anwesen in Berlin koordiniert werden.

Die den Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung hat ihren Hauptsitz in Berlin-Mitte, unweit des Deutschen Theaters. Es ist ein verglastes Hightech-Gebäude, laut Stiftung: ein programmatisches Statement für "Transparenz, Ökologie und demokratische Offenheit. Das Foyer ist rundum verglast. Das grünliche Konferenzzentrum bietet Platz für 300 Diskutanten. Auf dem Dach thront eine Photovoltaik-Anlage.

Die Ausstattung ist beeindruckend, der Einfluss auf die konkreten politischen Prozesse sei dennoch überschaubar, sagt der Vorstand der Stiftung, Ralf Fücks. Er war früher Senator in Bremen, als Ex-Politiker weiß er Bescheid. Die Konzepte der Stiftung können "noch so klug sein", "ein großer Teil des Politikbetriebs" würde sie dennoch erst einmal ignorieren, wenn das Thema nicht ohnehin in der Luft liege. Um Reformvorschläge in die Politik einzuschleusen, sei "intensive Überzeugungsarbeit" nötig. Die Arbeit der Stiftung müsse man als "osmotischen Prozess" begreifen: Viele Studien seien ihrer Zeit voraus und würden mit zeitlichem Verzug in die politische Arbeit einfließen. "Ein Sickereffekt", sagt er und blickt aus dem Fenster auf das Regierungsviertel. Viele Grüne werfen Fücks Sturheit und Ignoranz vor. In der Politikberater-Szene gilt er dagegen durchaus als innovativ. Heute aber wirkt Fücks vor allem müde. Nach 20 Minuten beendet er das Gespräch.

Eine typische Thinktank-Biographie

Mehr Zeit nimmt sich Michael Borchard, der Leiter der Grundsatzabteilung der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Auch er residiert in einem noblen Anwesen. Der Reichstag und die befreundete CDU-Parteizentrale sind in der Nähe. In der Eingangshalle hängt ein modernistisches Gemälde. Es sieht aus, als ob Konrad Adenauer an bunten Lollis leckt. Bei näherer Betrachtung ahnt man aber, dass es wohl Fähnchen der EU-Länder sein sollen, die der Alt-Kanzler in der Hand hält.

Borchards Büro ist angenehm unordentlich. Papierstapel liegen herum. Bücherregale quellen über. In der Ecke steht ein Autogramm von Helmut Kohl, für den Borchard noch Reden geschrieben hat. In mehrfacher Hinsicht ist die Vita des KAS-Hauptabteilungsleiters prototypisch für viele Thinktanker in Deutschland: Oft sind es promovierte Sozialwissenschaftler, die früh Arbeitserfahrung in der Spitzenpolitik gesammelt haben. Die meisten sind überaus belesen und geschult im analytischen Denken. Gleichzeitig sind sie schnell und wortgewandt. Fast immer fühlen sie sich ihrem politischen Lager fest zugehörig und haben dezidierte Vorstellungen, was in der Partei gerade falsch läuft. Ganz Kommunikationsprofis, lassen sie sich damit aber nur ungern zitieren.