Der Tag endete für die CDU-Chefin gesellig. Bei Krustenbraten und Kraut wertete Angela Merkel im Kreise Vertrauter den Auftakt zum CDU-Parteitag aus: Sitzungen von Parteipräsidium und -vorstand, letzte Abstimmung von Anträgen, eine Pressekonferenz des Generalsekretärs Hermann Gröhe.

Als Merkel an Gröhes Seite am Sonntag, 22 Uhr, die Kreuzgewölbe des Leipziger Rathauses verlässt, geht sie mit dem Gefühl, den Hauptkonflikt des Delegiertentreffens gelöst zu haben : Den Beschluss eines Mindestlohnes.

Klar ist an diesem vernebelten Herbstabend aber auch: Das Bekenntnis der CDU zu einem Mindestlohn fällt weniger deutlich aus als von den Initiatoren, den Sozialpolitikern der Partei, angestrebt. Deren Ziel, die avisierte Lohnuntergrenze an dem Mindestlohn der Zeitarbeitsbranche zu orientieren, überlebte die Sitzungen der Parteiführung nicht. Logisch wäre das gewesen, denn Zeitarbeiter gibt es in vielen Branchen.

Doch eine kleine Runde, darin Generalsekretär Gröhe, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und der Sprecher des Arbeitnehmerflügels der Partei, Karl-Josef Laumann, verständigte sich auf die Formel, dass es zwar "eine Lohnuntergrenze" geben soll, deren Höhe sich aus den zehn Branchen ableitet, in denen es bereits "allgemein verbindliche" Mindestlöhne gibt. Um die CDU-Wirtschaftspolitiker zu besänftigen, sah man zudem eine Kommission aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern vor. Sie soll die Details klären. Und sie soll weitere Differenzierungen einbauen, etwa regional oder für junge Arbeitnehmer.

Mindestlohn-Initiator definiert Schmerzgrenze

Laumann, Oppositionsführer in Nordrhein-Westfalen und Initiator des Projektes Mindestlohn in der CDU, wirkt am Abend im Leipziger Rathaus zunächst zufrieden. Aus der Jackentasche hat er ein Blatt Papier mit dem Beschlusstext gezogen und bilanziert. Lohnuntergrenze: ja. Allgemein verbindlich: ja. Orientiert an Zeitarbeit: nein. "Zwei Punkte für mich, einer gegen mich – das ist doch nicht so schlimm", sagt er.

Doch Laumann weiß auch, die Parteichefin hat er nicht allein auf seiner Seite. Noch am Abend hat Merkel im Fernsehen ausdrücklich betont, dass die geplante Kommission alle Freiheiten habe. Der CDU-Wirtschaftspolitiker Michael Fuchs las aus dem Kompromiss sogar ein ausdrückliches Bekenntnis zu regionalen Mindestlohn-Unterschieden heraus. Und viele andere Christdemokraten, nach Details befragt, raten zum Abwarten. Zu wenig konkret sei der Wortlaut, zu viel sei in die Hände der geplanten Kommission gelegt.

Ob es am Montag zum Aufruhr kommt, dürfte maßgeblich von der weiteren Interpretation des Beschlusses abhängen. Die Zeitungen werden kommentieren, die Delegierten werden am Pult sprechen. Merkel selbst erstattet zum Auftakt als Vorsitzende den obligatorischen Bericht, dann will die CDU per Beschluss ihre europapolitischen Leitlinien konkretisieren. Anschließend ist eine Aussprache zum Mindestlohn vorgesehen.