Was haben Piratenpartei und die CDU in Schleswig-Holstein gemeinsam? Beide haben mit Blick auf die vorgezogenen Landtagswahlen am 6. Mai 2012 schon mal ihr Personaltableau mit Aufstellung der Landeslisten geklärt, bevor es ein inhaltliches Wahlprogramm gibt. Die Union im Norden begibt sich von diesem Wochenende an mit Jost de Jager als Spitzenkandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten auf Aufholjagd, laut der letzten Umfragen liegt die SPD in der Wählergunst vier Prozentpunkte vor den Christdemokraten. 90,4 Prozent der Delegierten des Listenparteitages in Lübeck hat der neue starke Mann der CDU nun hinter sich.

Die Partei des regierenden Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen befindet sich auf Selbst- und Kursfindung seit dem 14. August, als der von Carstensen auserwählte Kronprinz Christian von Boetticher über eine bekannt gewordene Affäre mit einer 16-Jährigen stolperte und alle ihm bis dahin zugefallenen Spitzenämter abgab. "Die Partei musste sich zunächst konsolidieren", sagt der 46-jährige Dreifachminister de Jager über den schwierig zu bewältigenden Wiederaufbauprozess. Diese Phase sieht der Wirtschafts-, Wissenschafts- und Verkehrsminister nunmehr als abgeschlossen an, zumal er jetzt auch die parteiliche Doppelspitze als Landesvorsitzender und Spitzenkandidat verkörpert. Die Von-Boetticher-Affäre sei überwunden, sagt der nunmehr zweite Aspirant auf die Carstensen-Nachfolge.

Im Vergleich mit von Boetticher hatten ihn viele Parteimitglieder von Anfang für den Besseren gehalten, nur wagte es niemand, die Inthronisierung von Carstensens Ziehsohn zu verhindern. De Jager steht für Sachlichkeit, Seriosität und Solidität, die Angriffslust will gar nicht so recht zu ihm passen. Der Wahlkampf wird zeigen, ob das eher ein Vor- oder Nachteil ist.

Er ist von seinem Naturell her niemand, der verbale Begeisterungsstürme auslöst. Seine rund 45-minütige Grundsatzrede am Bühnenrand des Parteitags weitab vom aufgebauten Rednerpult lässt hier und da doch etwas Feuer vermissen, umfasst aber ein Lob auf die Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich derzeit in schwierigem europäischen Fahrwasser bewegt. Carstensen und alle CDU-Ministerkollegen im Kieler Kabinett erhalten ebenfalls warme Worte, genauso wie der Wunschkoalitionspartner FDP.

Bescheidenheit und die Parteisoldatentum liegen de Jager eigentlich mehr als Selbstdarstellung, doch zum Wahlkampf gehört nun mal ein gewisses Maß an exhibitionistischer Inszenierung. Die folgt dann spätestens bei der Verkündung seiner 90,4 Prozent Zustimmung: Als die Delegierten bereits zwei Minuten lang applaudieren, hallt Beautiful Day von U2 durch den Saal. Der Kandidat lächelt, winkt in die Menge, ballt mal die Hände über seinem Kopf und nimmt den obligatorischen Blumenstrauß entgegen genauso wie Gratulationsumarmungen. Natürlich steht Carstensen neben ihm, aber auch de Jagers Frau Britta (46) und seine Tochter Matilde (15) – das Lieblingsbild der Partei: eine intakte Familie, so wie von Boetticher sie nicht mehr bieten konnte.