Als Angela Merkel vor einem Jahr auf dem CDU-Parteitag in Karlsruhe Roland Koch verabschiedete, dürfte sie sich insgeheim auf eine ruhige Zukunft gefreut haben. Der letzte wirklich mächtige ihrer innerparteilichen Kritiker war weg. Doch es kam ganz anders. Ein Jahr nach Karlsruhe steht fest: Die alte CDU gibt es nicht mehr. Fukushima, die Schuldenkrise und die Ergebnisse dieses Superwahljahres haben sie grundlegend verändert.

Auf ihrem Parteitag in Leipzig , der am Dienstag zu Ende ging, ist die CDU deshalb eng zusammenrückt. Merkels Kompass-Rede bot der verunsicherten Partei Halt – und festigte zugleich die Autorität der Parteichefin. Nur Kochs Nachfolger Bouffier traut sich noch, laut zu widersprechen, die übrigen Merkel-Stellvertreter Schavan, von der Leyen und Röttgen beschränken sich entweder auf das eigene Fachgebiet (Leyen, Schavan) oder schweigen (Röttgen).

Der zweite Leipziger CDU-Parteitag solle Geschlossenheit manifestieren, gab die Führung als Ziel aus. Dies wurde augenscheinlich erreicht – zumal CDU-Parteitage traditionell nicht krawallig ablaufen. Die Debatten über Bildungs- und Europapolitik, selbst der Streit um den Mindestlohn verliefen weitgehend entlang vorgezogener Linien.

Konflikte, die sich auf den Regionalkonferenzen der vergangenen Monate nicht beseitigen ließen, kanalisierte in Leipzig mit Geschick die Antragskommission. Manchmal war Widerspruch auch Teil der Inszenierung, etwa im Falle des Euro-Skeptikers Klaus-Peter Willsch. Der Hesse durfte im Plenum mit dem Plan scheitern, den geplanten dauerhaften Euro-Rettungsfonds ESM abzulehnen.

Einen Leitantrag zur Bildungspolitik , einst als Kernthema des Parteitages vorgesehen, verabschiedeten die Delegierten erst kurz vor dem Ende – nach langer kontroverser Debatte, aber dann nahezu einmütig. Solche Entscheidungen hinterlassen glückliche Parteimitglieder. Im angestrebten zweigliedrigen Schulsystem bleiben die "Gymnasien als Markenkern" eigenständig, Hauptschulen sollen sich jedoch in die Realschulen integrieren. Bund und Länder sollen enger zusammenarbeiten, um Schulabschlüsse vergleichbar zu machen.

Selbst die am heftigsten diskutierte Entscheidung des Parteitages, die Forderung nach Mindestlöhnen, verlief weitgehend harmonisch, die führenden CDU-Wirtschaftsverbände und -gruppen sind in ihrem Widerstand ziemlich isoliert. Dieses Signal brauchte Merkel, denn der Mindestlohn ist ihre neue Brücke hin zum Volk mit seinen Alltagssorgen. Während die Kanzlerin in Brüssel über Milliardensummen verhandelt, will die CDU zeigen: Ihr seid uns nicht egal. Auch das Randthema Bildung ist ein solcher Brückenschlag.